Man müsse Nachhaltigkeit in erster Linie als Chance begreifen. Es gehe vorrangig um Ressourcen und um Umweltwirkungen. Aber warum braucht es Nachhaltigkeit überhaupt? „Weil Nachhaltigkeit etwas mit Risikomanagement zu tun hat. Es geht darum, Abhängigkeiten in den Griff zu bekommen“, lautet die Antwort von Dr. Josef Baumüller. Die ökologische Ausrichtung hat aber auch einen ökonomischen Aspekt und folgt einer politischen Schwerpunktsetzung. „Die wissenschaftliche Erkenntnis ist klar: Es muss sich etwas ändern“, spricht der Experte die globale Tragweite an. Das Thema kommt zudem auf vielen Prozessebenen zu tragen – und zunehmend gewinnt die Nachhaltigkeitsberichterstattung für Unternehmen an Bedeutung. Zuerst waren nur die großen Unternehmen im Rahmen der verpflichteten Nachhaltigkeitsberichterstattung davon betroffen, später der Finanzsektor und nun betrifft es bereits eine Vielzahl der Unternehmen. Warum? Weil die großen Unternehmen aktiv Umwelt- und Nachhaltigkeitsdaten von ihren nachgelagerten Einheiten verlangen. „Auf der wirtschaftlichen Ebene, etwa im Zuge von Ausschreibungen, ist Nachhaltigkeit immer öfter genauso ein entscheidender Punkt wie der Preis und damit ein wichtiges Wettbewerbskriterium“, hält Baumüller fest.

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Für die ökonomische Notwendigkeit braucht es aber auch das entsprechende Bewusstsein. „Nachhaltigkeit muss als Business Case angesehen werden“, empfiehlt der Experte. Er nennt ein einfaches Beispiel: Wenn ein Logistikkonzern die CO2-Emissionen seines Fuhrparks misst, aufzeichnet und benchmarkt, dann erkennt dieser vielleicht auch ein Muster bei den Fahrten und kann optimierte Routenplanungen vornehmen. „Dann wird Nachhaltigkeit zum Geschäftsvorteil.“

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Aktuell würde vor allem die Managementebene in größeren Unternehmen das Thema forcieren. Aber auch für Steuerberater und Wirtschaftsprüfer würde Nachhaltigkeit immer wichtiger, denn diese müssten ihre Mandanten verstärkt für diese wichtige Thematik sensibilisieren. In kleinen und mittleren Betrieben (KMU) ist Nachhaltigkeit ebenfalls zunehmend eine Aufgabe für Führungskräfte.

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Kurz- und langfristige Risiken

Das Thema Nachhaltigkeit schlägt auch auf das Risikomanagement durch. Baumüller nennt finanzielle Risiken für das Geschäft: Kurzfristig sind es Fake News, Spionage oder Terror, die die Rankings der wichtigsten Risiken für Unternehmen anführen; langfristig sind das vor allem Umweltrisiken (Ressourcenschwund, Klimawandel etc.). In der Kurzfrist-Betrachtung wirft sich die Frage auf, ob sich Unternehmen nachhaltige Lösungen überhaupt leisten sollten. Die Antwort darauf lautet in der Regel ja. Doch was bedeutet das für Kfz-Betriebe? „Diese sollten, sofern sie es noch nicht getan haben, auf E-Mobilität setzen und sich auch darüber hinaus um Nachhaltigkeitszertifizierungen bemühen“, rät Baumüller.

In der langfristigen Betrachtung sieht sich Nachhaltigkeit aber auch mit dem Vorwurf der „Klimareligion“ konfrontiert. Dies aufzulösen, ist nicht so einfach. Notwendig ist ein Verständnis dafür, wie Wissenschaft arbeitet: „Wir haben viele wissenschaftliche Daten und Prognosemodelle, aber auch die Wissenschaft kann die Zukunft nicht verlässlich vorhersagen.“ Es gibt jedoch Tendenzen und Trends, etwa jene des 1972 vom Club of Rome vorgestellten Werks „Die Grenzen des Wachstums“, wo erstmals Gedanken rund um nachhaltiges Handeln in die öffentliche Diskussion eingebracht wurden. „In vielen Fällen sind hier die Voraussagen überraschend genau eingetreten, weil diese in der Regel mit Physik zu tun haben. Die Wissenschaft kann hier viel anbieten“, so Baumüller. Die Investitionen in Nachhaltigkeit lassen sich für ihn konkret in Zahlen fassen: „Maßnahmen in den Klimaschutz kosten 1 Euro heute und sparen 5 Euro in der Zukunft – so zeigen es zumindest aktuelle Studien auf.“

Berichtspflichten jüngst gelockert

Rund um Nachhaltigkeitsberichte (CSRD) und Lieferkettensorgfaltspflichten (CSDDD) hat die Europäische Union zuletzt Anpassungen durchgeführt, um genannte Pflichten zu vereinfachen und Bürokratie abzubauen.

Anwendungsbereiche wurden reduziert, indem die Schwellenwerte für eine Berichtspflicht angehoben wurden (Unternehmen nun größer/gleich 1.000 Mitarbeitende statt wie bisher 250, zusätzlich muss ein Umsatz von über 450 Mio. Euro erwirtschaftet werden) und Fristen verschoben. Experte Baumüller nennt diese Maßnahme „kontraproduktiv“; denn gerade Banken und viele weitere Geschäftspartner würden weiterhin nach Nachhaltigkeitsdaten ihrer Geschäftspartner fragen. Allerdings verweist er auf einen (über eine EU-Verordnung geschaffenen) freiwilligen Standard, der den Unternehmen in Zukunft „Ruhe verschafft“: Er kann auf einfache Weise genützt werden, um auf die weiterhin zu erwartenden Anfragen zu reagieren. Dieser Standard ist mit einer Checkliste verbunden, die es Punkt für Punkt abzuarbeiten gilt. „Dazu braucht es einen impliziten Prozess und den Willen der Führungskraft. Der Bericht soll nämlich nicht nur gut ausschauen, sondern auch inhaltliche Fortschritte in Sachen Nachhaltigkeit aufzeigen können.“

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CO2-Bepreisung als „wirksamstes Mittel“

Was bedeuten die genannten Punkte für die Dekarbonisierung: Werden die neuen Berichte wirklich einen Beitrag dazu leisten? Der Forscher antwortet dazu provokativ: Das Beste wäre zweifellos, das Autofahren komplett zu verbieten, die nächste Alternative, das Autofahren zu verteuern. Wenn ich all das nicht will, dann bleibt Option drei: Das wäre die Schaffung transparenter Prozesse und damit die Erhöhung des Marktdrucks. „Das vielversprechendste Mittel ist die CO2-Bepreisung, aber hier ist die Durchsetzungsfähigkeit derzeit nicht gegeben.“ Umgekehrt könnte auch die EU bei den Berichtspflichten wieder ein wenig zurückrudern (Review-Klausel bis 2031). „Bald werden auch die Berichtspflichten wieder zunehmen“, erwartet Baumüller.

Die Datenbasis ist entscheidend

Nachhaltigkeitsberichterstattung sei keine Raketenwissenschaft, es gehe vorrangig darum, eine Datenbasis aufzubauen. Baumüller ortet rund um das Thema aber auch einen gewissen Zwiespalt in der Wissenschaft und viel Polemik, Letztere getrieben von Boulevard-Medien. „Es gibt viele Bubbles, Meinungen, Wissensstände und Methoden. In vielen Fällen gibt es aber auch einen Konsens.“ Klimaschutz ist neben der Ökologie eng mit Themen der Ethik und Moral verbunden, nimmt aber auch in Wirtschaft und Technik zunehmend mehr Platz ein. „Ich unterrichte das Thema auch an der Wirtschaftsuniversität. Dort gibt es aktuell einen Umbruch, denn Nachhaltigkeit ist mehr denn je auch klar in der Geldbörse spürbar – und damit ein klares Thema für Ökonomen geworden.“