Ein Sturm der Entrüstung brach dieser Tage los, als das Ausmaß des Latein-Unterrichts an österreichischen Gymnasien zurückgestutzt zu werden drohte. Quo usque tandem, ähm, wie lange noch willst du noch unsere Geduld missbrauchen, schallte es dem zuständigen Minister empört entgegen. Nur ein Symptom für die fortschreitende Verknöcherung unseres Landes, quod erat … also, eh kloar.
Dass der homo Austriacus ein nicht gerade dem Fortschritt vorauseilender Homo ist, wurde mir spätestens klar, als ein früh zum pater patriae erblühter Polit-Star die Parole ausgab, Österreich solle nicht länger „Musterschüler der EU“ sein. Dies hallt heute noch nach, wenn manche Wirtschaftskapitäne propagieren, man solle doch lieber in alten Fahrwassern dümpeln, anstatt mit voller Kraft bei Zukunftstechnologien voranzugehen.
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Ich meine hingegen, der Beste sein zu wollen, bildet eine wichtige Grundlage für das erfolgreiche Handeln. Oder wie der legendäre Fußballtrainer Hennes Weisweiler einmal sagte: „Zeige mir einen glücklichen Zweiten, und ich zeige dir den ewigen Verlierer.“
Des Strebertums unverdächtig
Aber wie komme ich jetzt drauf? Nun, durch einen Kommentar des Leiters der österreichischen Leitstelle Elektromobilität (OLÉ), Philipp Wieser. Der beklagt auf Linkedin, dass Österreich in Sachen E-Mobilität nicht länger zu den Vorreitern zähle. Bei der Wachstumsgeschwindigkeit der Stromer-Neuzulassungen ist Österreich in den ersten Monaten des Jahres auf Platz 20 von 27 EU-Ländern zurückgefallen. Seit langem liege man wieder hinter Deutschland und Frankreich. Man könnte glatt meinen, in Sachen Antriebswende sei zwischen Neusiedler und Bodensee der alea … der Würfel nicht längst gefallen.
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Dann spült mir die vox populi vox dei, also der Algorithmus, zwei distinguierte Herren auf den Bildschirm. Sie unterhalten sich darüber, wie sehr sich die deutschen Autohersteller in die Sackgasse der E-Mobilität manövriert hätten. Die Lade-Infrastruktur fehle sowieso komplett, für Blaulicht-Organisationen hätte sich die Technologie als ungeeignet erwiesen, das bisschen Wachstum sei „politisch gewollt“ und durch „die Medien“ forciert. Summa summarum: Statler und Waldorf dreschen E-Automythen.
Da wundert es mich nicht, wenn Wieser befindet, dass Österreich einer der Staaten mit dem höchsten Anteil an Personen sei, die E-Mobilität komplett ablehnen und noch keinerlei Erfahrungen mit E-Pkw gemacht haben.
Nun, immerhin sind es laut AutoScout24-Umfrage fast 40 Prozent der befragten Auto-Mobilen, die schon einmal ein E-Auto gefahren sind. Bei den Stadtbussen, lese ich, haben EU-Länder wie Slowenien oder Rumänien im abgelaufenen Jahr 2025 zu 100 Prozent E-Busse angeschafft, im EU-Schnitt waren es 58 Prozent. Österreich? 22 Prozent. Wenigstens sind wir jetzt keine Musterschüler mehr, hm?
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Vor diesem Hintergrund ist es keine Überraschung, dass es hierzulande als bedrohlich empfunden wird, die Lehrpläne von einer „toten Sprache“ zu entrümpeln – obwohl diese selbst nahelegt, non scholae sed vitae … fürs Leben zu lernen. Und in dieser anderen Sache, der E-Mobilität: Eventuell sorgt die aktuelle Energiekrise für den überfälligen nächsten Schritt in felix Austria.
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Der A&W-Verlag bildet ein breites Meinungsspektrum ab. Kommentare müssen nicht der Meinung des Verlages entsprechen. Hinweis zur Transparenz: Der Autor musste in seiner Schulzeit so manchen Latein-„Fetzen“ hinnehmen.
