Der europäischen Wirtschaft im allgemeinen, der europäischen Auto-Wirtschaft im besonderen steht das Wasser bis zum Hals oder, je nach Interpret, sogar deutlich höher. Ursachenforschung und Lösungsvorschläge bewegen sich, gut vorhersehbar, entlang des ideologisch-politischen Spektrums.
So ist es keine Überraschung, wenn in der Debatte die Work-Life-Balance wieder einmal als Gottseibeiuns herhalten muss, die 35-Stunden-Woche als Rezept für den Untergang. Die Misere der hiesigen Industrie wird reflexartig darauf reduziert, dass zu wenig gearbeitet, zu viel krankgefeiert werde.
Errungenschaften, keine Hemmschuhe
Das mag typisch deutscher Protestantismus sein, greift aber viel zu kurz. Vergessen wir nicht: Europas soziale Errungenschaften – etwa gute, die Kaufkraft stützende Löhne, leistbare Bildung, für alle zugängliche Medizin, Freizeit als Konsum-Zeit – sind es erst, die Europa als Markt sowie als Lebens- und Wirtschaftsraum attraktiv machen. Dass auch die „kleinen Leute“ bei uns in Urlaub fahren, Autos kaufen können, ist kein Nachteil.
Natürlich kann man sich fragen: Haben wir es mit Arbeitnehmerrechten übertrieben? (Auch mit Minderheitenrechten, Menschenrecht, Asylrecht?) Braucht es Korrekturen, die auf demokratischem Wege umgesetzt werden müssen?
Aber ist es wirklich der Krankenstand, an dem die europäische Wirtschaft krankt? Oder ist es nicht vielmehr die schwächelnde – um nicht zu sagen: fehlende – Entschlusskraft in Politik und Wirtschaft? Kein Volksvertreter, der am rechten Rand noch Stimmen abzugrasen hofft, traut sich heute mehr das Wort „Klimaschutz“ in den Mund zu nehmen, und in so mancher Presseaussendung der OEM wird nach wie vor in Phantasien vom „grünen Verbrenner“ geschwelgt.
Es ist natürlich leichter, vom amerikanischen „Hire & Fire“ oder den Billiglöhnen Asiens zu träumen, als nach vorne zu denken und den Innovations-Wettbewerb aufzunehmen. So wie es leichter ist, über realitätsferne oder wirtschaftsfeindliche Umwelt- und Klimaziele zu lamentieren, anstatt die Maßnahmen zu deren Erreichung als Chance und Auftrag zu begreifen.
Aber Europas Weg war es nie, es sich leicht zu machen. Soziale Errungenschaften aufzugeben, ist die Abkürzung, die Europas Wirtschaft und Gesellschaft nicht nehmen darf. Der Weg muss nach vorne führen.
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