A&W: Mitte Juli wurde das Werk in Kecskemét erweitert, das nun doppelt so groß ist wie bisher: Stimmt es, dass die Produktionskosten hier um 70 Prozent niedriger sind als in Deutschland?

Michael Schiebe: Das stimmt, wobei ich die genaue Zusammensetzung nicht definieren will: Natürlich spielen die Arbeitskosten eine große Rolle, aber auch die Energiekosten. Die Arbeitszeit in Ungarn ist signifikant höher als in Deutschland, auch die zusätzlichen freien Tage in Deutschland machen einen großen Unterschied. Und auch die Krankenfehlstände sind in Deutschland auf einem anderen Niveau als in Ungarn.

Wie viele Fahrzeuge können in Kecskemét produziert werden?

Schiebe: Wir haben hier 400.000 Einheiten pro Jahr installiert, in den vergangenen Jahren wieder eine Milliarde Euro investiert und erhöhen damit die Flexibilität des gesamten Produktionsnetzwerks.

Heißt das, dass eventuell in Deutschland weniger Fahrzeuge produziert werden, etwa beim GLC?

Schiebe: Wir haben ein super-super-gutes Werk in Bremen: Es hängt von der Nachfrage nach den Produkten ab. Da wir aktuell eine sehr positive Nachfrage nach dem GLC sehen, würde ich gerne beide Werke auslasten.

In Kecskemét wurde nun auch die Produktion der elektrischen C-Klasse aufgenommen: Welche prozentuelle Verteilung zwischen den Verbrennern und der rein elektrischen Version erwarten Sie?

Schiebe: Das ist schwer zu sagen, weil es regional sehr unterschiedlich ist. Im 2. Quartal war der Elektro-Anteil von Mercedes in Europa bei 43 Prozent. Beim CLA, wo die Markteinführung in Europa sehr früh war, haben wir mehr Aufträge für die elektrische Version, auch die Nachfrage nach dem elektrischen GLC ist höher. In den USA ist hingegen die Nachfrage nach den Verbrennern sehr stabil. Ich will jetzt keine Zahl nennen, doch das Gute ist, dass wir sehr flexibel sind.

Heißt das, dass Mitarbeiter in Ungarn eventuell leichter angeheuert, aber auch leichter abgebaut werden können als in Deutschland?

Schiebe: Die Flexibilität der deutschen Standorte wird unterschätzt, auch bei der Anpassung von Kapazitäten: Wenn in einem Werk ein neues Modell eingephast oder ausgephast wird, schauen wir, dass wir parallel ein höheres Produktionsvolumen in anderen Baureihen planen. Wenn die Nachfrage steigt, können wir das Volumen auf einzelne Werke verteilen.

Aktuell gibt es große Diskussionen um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland, auch Mercedes ist betroffen: Wie sehen Sie das?

Schiebe: Ich glaube, dass wir in Deutschland wettbewerbsfähiger werden müssen. Wir rechnen damit, dass eine ähnlich kompetitive Situation wie in China auch anderswo entstehen kann. Die Arbeitsstunde in Deutschland muss günstiger werden. Wir müssen mehr arbeiten, ohne den Lohn anzupassen. Das ist meiner Meinung nach der bessere Weg, weil man den Menschen nicht in die Tasche greifen muss. Ich möchte keinen Abgesang auf den Standort Deutschland starten, aber wir müssen nach vorn schauen, dass wir den Standort nach vorn bringen.

Wie soll das gelingen: Gibt es schon Verhandlungen mit der Gewerkschaft?

Schiebe: Wir sind mit den Tarifpartnern im Austausch, das kann man ja nicht allein entscheiden. Aber wir dürfen nicht warten, bis uns jemand anderer das Szepter aus der Hand nimmt und wir nur noch beobachten können. Wir werden in der 2. Jahreshälfte Tarif-verhandlungen mit der IG Metall führen und haben nicht viel Zeit. 

Wir benötigen so schnell wie möglich einen gemeinsamen Plan, um uns nach vorn zu entwickeln. Die chinesischen Wettbewerber, die Produktionswerke in Osteuropa errichten, werden ihre Produkte in ganz Europa auf den Markt bringen. Wir rechnen mit einer Wettbewerbsverschärfung nicht nur in China, sondern in der ganzen Welt.

Konkret gefragt: Wie wichtig wären 40 statt 35 wöchentliche Arbeitsstunden in Deutschland?

Schiebe: Das ist nur ein Stellhebel, aber das wird nicht reichen: Wir sollten auch mehr Geschwindigkeit bei den Entscheidungen umsetzen und brauchen wieder mehr Pragmatismus. Und wir sollten auch über tarifliche Leistungen, die heute vereinbart sind, sprechen. Ich bin kein Fan der Vogel-Strauß-Taktik. Wir dürfen nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern müssen transparent ansprechen, was die Herausforderungen sind. Wir müssen jetzt gemeinsam arbeiten, dass wir nach vorn kommen. 

Das darf nicht in einen ideologischen Klassenkampf abdriften. Wir haben das gleiche Ziel, wollen die Beschäftigung in Deutschland halten. Die Wettbewerber, die draußen warten, interessiert es wenig, wie lange wir verhandeln und wie der Minimalkompromiss ist. Es ist ein wichtiges Thema: Wir reden über die Zukunftsfähigkeit in Deutschland. Das gilt nicht nur für Mercedes-Benz. Und durch einen Standort wie in Kecskemét schaffen wir es, die durchschnittlichen Produktionskosten zu senken und Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern.