Vom Siegeszug der Chinesen und ähnlichem war im Vorfeld der IAA Mobility in München zu lesen. Die anwesenden deutschen Anbieter sind keinesfalls unterrepräsentiert, haben ihre (teils großen) Stände fürs Publikum meist in der Münchner Innenstadt aufgebaut. Aber es ist tatsächlich so, dass einige chinesische Autohersteller, allen voran BYD, aber auch MG und NIO, einen eindrucksvollen Auftritt beim früheren Heimspiel der deutschen Autoindustrie hinlegen. Sogar Batteriehersteller CATL ist mit einem eigenen Stand vertreten und damit es nicht zu fernöstlich wird, ist auch Tesla – mit einem nicht unwesentlichen Facelift – auf der IAA vertreten. Sie alle zeigen eindeutig und eindrucksvoll, wo ihre Stärken liegen und wohin die Reise auch in Europa geht: zum vollelektrischen Automobil.

Die deutsche Interessenvertretung reagiert schon im Vorfeld mit Schuldzuweisungen: Laut Hildegard Müller vom Verband der deutschen Automobilindustrie (VDA) hätten die Energieanbieter und der zu langsame Ausbau der Ladeinfrastruktur Schuld am zu langsamen Hochlauf der E-Mobilität (was umgehend mit entsprechenden Zahlen widerlegt wurde).

Bei der Eröffnung der IAA erweiterte VDA-Müller dann die Anschuldigungen an Politik und Bürokratie, die seien für den Rückstand der deutschen Automobilindustrie verantwortlich.

Weitere Verwunderung erzeugte – noch vor der IAA – ein Interview mit BMW-Chef Oliver Zipse im Handelsblatt, wo er seine Zweifel an der Umsetzung der E-Mobilität verkündete und das Verbrenner-Aus kritisierte. Und das unmittelbar vor der Präsentation von BMWs größter Investition der Firmengeschichte, in eine reine E-Plattform.

Zwischendurch poppt natürlich wieder das Thema E-Fuels auf, auch über Porsche. Vor allem aber über die (FDP-)Politik. Dabei ist der Autoindustrie klar, dass bis 2035 E-Fuels nicht ansatzweise ausreichend für den reinen E-Fuel-Betrieb zur Verfügung stehen werden. (Selbst die Lobbys rechnen einen langfristigen Hochlauf nur über Beimischungen vor).

Tatsache ist: Die deutsche und europäische Autoindustrie ist bei dieser gewaltigen Transformation im Hintertreffen. Viel zu lange hat man noch am Verbrenner festgehalten und in den vergangenen Jahren auch noch Rekordgewinne damit erwirtschaftet. Es sei ihnen vergönnt!

Doch nun muss sich die alte Technologie noch weiter rechnen, unzählige Werke laufen noch mit der bisherigen Technik und produzieren für einen schrumpfenden und auslaufenden Verbrenner-Markt. Gleichzeitig muss man massiv in E-Mobilität, Batterie-Entwicklung und Batterie-Produktion investieren. Dabei braucht es schon jetzt dringend Volumen bei den E-Fahrzeugen, damit die Skalierungs-Effekte die europäischen Modelle günstiger machen, so wie es in China schon der Fall ist. Insgesamt schon keine leichte Aufgabe.

Und nun durchkreuzen die chinesischen Hersteller diesen ohnehin ambitionierten Zeitplan und machen beim E-Auto sowohl in China wie auch in Europa massiv Druck: Ja, mit Vorteilen durch die langjährige Entwicklung, mit Subventionen, mit eigenen Rohstoffen und mit günstigerer Energie für die Produktion. Aber das sind die Fakten, daran muss Europa nun – gemeinsam – arbeiten. 

Bei der deutschen Autoindustrie weiß man freilich sehr gut, dass die einzige Überlebens-Chance das Aufholen gegenüber China und auch den USA (Tesla, Fisker, Lucid,..) in der E-Mobilität ist, mit voller Konzentration darauf. Anhand der globalen Stückzahlen, mit eindrucksvollem Wachstum bei Tesla (auch in Europa) und BYD, sieht man eindeutig: Es gibt kein Problem beim Hochlauf der E-Mobilität, es gibt ein Problem der etablierten Hersteller mit ihrem elektrischen Angebot. 

Diese Nebelgranaten, mit denen derzeit über den Rückstand hinweggetäuscht werden soll und mit denen die nächsten Jahre überbrückt werden sollen, mögen vielleicht die Anleger und Aktionäre beruhigen und für Applaus bei verunsicherten Konsumenten sorgen. Aber sie verunsichern die Kunden noch weiter, die derzeit ohnehin lieber gar nichts kaufen. Sie sorgen für Verunsicherung bei Handel, Werkstätten und vor allem den kleinen Zulieferern, die sich mangels Investitionsmöglichkeiten für die Transformation an den Strohhalm Verbrenner-Zukunft klammern. Und sie fördern den Populismus der Politik, die im rechten und im konservativen Lager dankbar aufspringt.

Ja, es wird noch ein paar gute Verbrenner-Jahre für die europäische Autobranche geben, der große Schwenk bei Angebot, Preis und Stimmung wird für 2026/2027 prognostiziert, mit den chinesischen Autos vielleicht auch schon früher.

Wenn es aber weiterhin eine starke deutsche Autoindustrie und auch ein starkes Autoland Österreich mit einer vielfältigen Zulieferindustrie geben soll, müssen alle Beteiligten konsequent und ehrlich an der Transformation und der Antriebswende Richtung E-Mobilität arbeiten.

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