Eigentlich begann alles mit Volvo: Als die Schweden vor etwa 10 Jahren unter chinesische Führung kamen, beschlossen sie, nur noch eine Messe pro Jahr zu beschicken – und das war Genf. Dann kamen die französischen Hersteller, die (wenn möglich) einen Bogen um die IAA in Frankfurt machten. Die Deutschen konterten und boykottierten, logisch, zumindest teilweise den Pariser Salon. Klar, dass die Japaner da nicht fehlen durften, denn schließlich brachte ja auch kaum ein Europäer seine Neuwagen auf die Messe nach Tokio, um sie dort zu zeigen.
Und doch: Es waren noch immer große Messen – mit einer Zahl an Herstellern, die dem Publikum einen perfekten Vergleich bot. Wien war da, alljährlich Mitte Jänner, keine Ausnahme, bis (verstärkt durch die teilweise unverschämt hohen Kosten der Messe) auch hier die Erosion begann.
Und heute? Die Messe, die die 3 Buchstaben IAA in ihrem Namen trägt, ist (nach dem vergleichsweise bescheidenen Ende in Frankfurt) nach München übersiedelt. Hatte die letzte Auflage am Main (noch VOR Corona) schon massive Tendenzen des Verfalls gezeigt, so ist die aktuell zum 2. Mal in der bayrischen Bierhauptstadt stattfindende „IAA Mobiity“ alles andere als eine Nabelschau dessen, was die Autoindustrie zu zeigen im Stande ist.
Das gilt vor allem für die Fachbesucher in den (relativ neuen) Hallen am ehemaligen Flughafengelände im Osten der Stadt: Traf einander früher die gesamte Branche, so muss man heute schon längere Zeit suchen, um einen Manager eines Importeurs zu sehen. Selbst für so manchen Chef aus Salzburg war der Fachbesuchertag am Montag (4. 9.) keine Reise wert – und die Strecke Salzburg-München ist ja doch nicht so weit.
Schade! Denn die chinesischen Hersteller schickten nicht nur ihre Neuheiten auf Stände, die so groß waren wie wir sie zum Beispiel von früher aus Genf oder Paris gewohnt waren (die IAA war stets eine Gigantonomie, vor allem bei BMW, Mercedes und Audi). Sondern sie kamen (zumindest aus Österreich) auch mit den Importeurs-Chefs von BYD, MG und Maxus. Da darf man sich dann nicht wundern, wenn in Fachzeitschriften und Tageszeitungen eher Interviews mit diesen Leuten (und über deren Produkte) erscheinen.
Löbliche Ausnahme ist Renault, wo mit dem Scenic E-Tech Electric ein wichtiges Auto für die Verbreitung der Elektromobilität in München gezeigt wurde. Das wusste auch Wayne Griffiths, der umtriebige Chef von Seat und Cupra: Er saß bei der Präsentation des Elektro-Scenic in der 1. Reihe neben Luca de Meo, seinem „alten Kumpel“ aus gemeinsamen Seat-Zeiten – fröhlich plaudernd und scherzend.
Griffiths weiß noch, dass man Kontakte pflegt: Auf Messen war das in früheren Jahrzehnten gern gepflegte Praxis für uns alle. Wäre schön, wenn so mancher Manager wenigstens zur Messe käme, um mit den Kollegen zu sprechen – wenn schon der eigene Hersteller keine Autos zeigt. Sonst darf man sich nicht wundern, wenn Hersteller aus Fernost demnächst auch auf den heimischen Straßen immer stärker präsent sein werden.
Ach ja, Genf! Die (früher so beliebte) Messe auf „neutralem Boden“ in der Westschweiz steht nach den Kalamitäten im März 2020 unter keinem guten Stern. Damals hatten die Aussteller die vollen Gebühren zahlen müssen, obwohl die Messe 3 Tage vor Beginn wegen des Corona-Virus abgesagt wurde. Alle Wiederauflagen scheiterten seither, dafür geht man mit dem guten Namen (und gegen viel Geld) jetzt in den arabischen Raum. Und nächstes Jahr? VW-Vertriebsvorständin Imelda Labbé zeigte im Round Table wenig Interesse, ihre Produkte im März 2024 am Lac Leman zu zeigen. Da gebe es bessere Alternativen, meinte sie. Man darf gespannt sein!
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