A&W: Sie sind vor etwas mehr als einem Jahr vom Landesdirektor für Wien, Niederösterreich und das Burgenland zum ÖAMTC-Direktor aufgestiegen: Wie ist dieses erste Jahr gelaufen?
Dipl.-Ing. Ernst Kloboucnik: Wir hatten vor Kurzem unsere Generalversammlung: Der ÖAMTC hat nun 2.642.877 Mitglieder, das sind um 2,5 Prozent mehr als vor einem Jahr. Damit ist der ÖAMTC der einzige euro-päische Mobilitätsclub, der in den letzten Jahrzehnten ohne Unterbrechung gewachsen ist. In dieser Zahl sind die 806.810 Gratis-Mitgliedschaften für Kinder und Jugendliche noch gar nicht mitgezählt: Das ist eine wichtige Basis, um den Übergang zur ersten Mobilität zu schaffen. Dadurch gelingt es auch, dass die Mitglieder nicht überaltern. In mehr als der Hälfte der Haushalte sind wir mit einem zahlenden Mitglied vertreten.
Wer einmal Mitglied ist, bleibt es auch …
Kloboucnik: Wir haben eine Erneuerungsquote von mehr als 96 Prozent. Beim Schutzbrief sind es 93 Prozent. Dazu trägt sicher auch bei, dass wir zusätzlich zur Pannenhilfe auch ein sehr dichtes Netz an Stützpunkten haben – vor allem im internationalen Vergleich stehen wir damit sehr gut da. Und wir können nahezu jede Panne mit eigenem Personal erledigen. In einer internationalen Kundenzufriedenheits--Studie von KPMG, die in 16 Ländern in 6 Dimensionen durchgeführt wurde, hat der ÖAMTC heuer wieder den ersten Platz in Österreich belegt, übrigens vor DM, Fielmann und Spusu. Dieses Ergebnis spornt uns natürlich weiter an, auch weil wir vorher schon zwei- oder dreimal gewonnen haben.
Wie viele Stützpunkte sind es in Österreich?
Kloboucnik: Derzeit sind es 118 Stützpunkte. Wir sind in jeder Bezirkshauptstadt vertreten, und vor einigen Jahren ist Wien-Erdberg dazugekommen. Die Stützpunkte werden laufend erneuert, heuer zum Beispiel in der Steiermark und in Kärnten und gegen Jahresende auch im Burgenland. Eventuell wollen wir das Netz noch an 1 bis 2 Stellen erweitern.
Vor einigen Jahren gab es oft Probleme, gute Kfz-Techniker zu finden – nicht nur bei den Werkstätten, sondern auch beim ÖAMTC: Ist das jetzt wieder besser geworden?
Kloboucnik: Nach Corona haben auch wir uns in vielen Bereichen schwergetan. Doch das hat sich im letzten Jahr deutlich verbessert. Wir sind ein attraktiver Arbeitgeber und haben in vielen Bereichen wieder ausreichend Personal – auch bei den Kfz-Technikern und im Callcenter. Seit einigen Jahren bieten wir auch die Lehre zum Kfz-Techniker an und haben dafür eine eigene Lehrwerkstätte in St. Pölten. Wir investieren bei den 4.443 Mitarbeitern nicht nur in Schulung, sondern auch in die Lehrlingsausbildung. Die Technologiebreite wird immer größer und die Zahl unserer Dienstleistungen ebenfalls. Wir überprüfen ja nicht nur die Fahrzeuge, sondern zum Beispiel auch den Campinggas-Bereich.
Hören Sie manchmal den Vorwurf, dass der ÖAMTC für Technologieoffenheit eintritt?
Kloboucnik: Warum der ÖAMTC für Technologieoffenheit eintritt? Man muss berücksichtigen, dass es einen Fuhrpark gibt und dass nicht alles, was bis 2030 an CO2-Einsparungen geplant ist, ausschließlich mit Elektroautos und Plug-in-Hybriden erreicht werden kann. Man muss beim Bestand alles, was technisch möglich ist, einsetzen. Die Umsetzung von E10, also die Beimengung von Biokraftstoffen, hat in Österreich sehr lange gedauert. E20 wäre technologisch für die meisten Fahrzeuge kein Thema, aber hier wartet man noch ab. Über E-Fuels in relevanten Mengen braucht man bis 2030 nicht zu reden. Das Thema HVO 100 ist eine Option, leider kam es punktuell zu Missbrauch. Durch restriktive Handhabung durch die zuständigen Stellen – anders als in anderen Ländern – ist in Österreich und Deutschland das Thema leider völlig eingebrochen. Wir vom ÖAMTC reden jedenfalls nicht darüber, dass es neue Verbrenner bis in alle Ewigkeit geben soll.
Ihre Haltung hat wohl auch mit dem zunehmenden Alter des Fuhrparks zu tun, oder?
Kloboucnik: Vor 20 Jahren waren die Pkws in Österreich im Schnitt 8,4 Jahre alt. Vor 10 Jahren waren es 9,4 Jahre. Und jetzt sind wir bei 11,4 Jahren. Das heißt, dass die Fahrzeuge nicht zuletzt wegen der technischen Verbesserungen deutlich länger halten. Also werden auch 2040 noch viele Fahrzeuge, die jetzt -verkauft werden, eingesetzt.
Was sind die Schwerpunkte in den kommenden Monaten?
Kloboucnik: In der Interessenvertretung haben wir 2025 beim Thema Besitzstörungsklagen viel erreicht, aber wir sind noch nicht am Ziel. Natürlich darf man Besitz nicht stören, aber das darf man nicht als Geschäftsmodell missbrauchen. Da gab es 2025 erste Schritte, und das zeigt Wirkung. Heuer stehen Änderungen bei der StVO im Vordergrund, zum Beispiel die angeblichen Fahrräder, mit denen vor allem die Essenszusteller unterwegs sind. Hier gibt es eine Übergangsfrist – und das Ganze richtet sich nicht gegen die Fahrer, die in prekären Arbeitssituationen leben, sondern gegen die Betreiber. Ein anderes Thema ist die Helmpflicht bei E-Scootern: Leider hat unser Appell an die Eigenverantwortung nichts geholfen, die schweren Unfälle steigen an. Und bei den geplanten Einfahrtsverboten in Innenstädte muss man abwarten, was sich ergibt. Die Regelung ist sehr breit angesetzt, hier sind möglicherweise Verfassungsrechtler am Wort.
Und dann gibt es noch die geplante Verlängerung der „Pickerlfristen“ vom bisherigen 3-2-1-System auf 4-2-2-2-1. Was sagt der ÖAMTC dazu? Ihre Mitarbeiter überprüfen doch sehr viele Fahrzeuge und haben den besten Einblick …
Kloboucnik: So wie die Fahrzeuge seit Jahren haltbarer werden, muss man schauen, was die geeigneten Intervalle sind. Wir bewegen uns mit der neuen Regelung innerhalb des EU-Rahmens.
Doch die Mängelstruktur ist regional in Europa sehr unterschiedlich: In Österreich ist durch das Streusalz und den Schnee die Mängelquote vor allem in den alpinen Regionen höher. Wenn die Regelung wie geplant umgesetzt wird, können wir den Mitgliedern nur empfehlen, zwischendurch Checks durchzuführen, um nicht später höhere Kosten für stärker betroffene Verschleißteile zu haben.
Und jetzt wäre der ideale Zeitpunkt, das digitale „Pickerl“ einzuführen …
Kloboucnik: Es irritiert uns am meisten, dass die Einführung zwar irgendwann geplant ist, aber das nicht gleichzeitig durchgeführt wird. Denn durch diese Durchführung wird die Bürokratie noch weiter erhöht. Man könnte ja die 4-2-2-2-1-Regelung um einige Monate verschieben und das digitale „Pickerl“ gleichzeitig einführen. Denn die Grundlagen dafür sind geschaffen: Die digitale Begutachtungsdatenbank gibt es seit einigen Jahren.
Der ÖAMTC hat Mitte Juni gemeinsam mit der Asfinag die Initiative „Arbeitsplatz Straße“ vorgestellt. Warum ist dieses Thema so wichtig?
Kloboucnik: Ablenkung ist mittlerweile die häufigste Unfallursache auf den österreichischen Straßen: Der ÖAMTC hat im Schnitt 250 Einsätze pro Tag auf den Autobahnen. Das sind 9 Prozent unserer Einsätze, und im Sommer ist dieser Anteil noch höher. Die Pannenfahrer müssen während ihrer Arbeit nicht nur auf sich selbst achten, sondern auch auf die Mitglieder, wo oft Kinder dabei sind. Hier kann uns die KI helfen: Wir testen bei 11 Fahrzeugen ein System, mit dem das Umfeld beobachtet wird und das den Pannenfahrer akustisch und durch Vibrationen am Körper warnt. Da bleiben dann nur noch wenige Sekunden, um zu reagieren. Nun müssen wir die KI noch schärfen, um mögliche Fehlalarme zu reduzieren.
Das letzte gemeinsame Interview
Vor seinem Abschied im Juni 2025 gab ÖAMTC-Direktor Dipl.-Ing. Oliver Schmerold dem A&W Verlag noch ein großes Interview – gemeinsam mit seinem Nachfolger Dipl.-Ing. Ernst Kloboucnik.
