Der aktuelle DAT-Report 2023 zeigt unter anderem ein Dilemma, in das die etablierten Hersteller schlittern könnten. In einer für den DAT-Report durchgeführten Umfrage äußert die Hälfte der Befragten ihre Angst, sich aufgrund der aktuellen Entwicklungen das Auto bald nicht mehr leisten zu können. Gleichzeitig geben 77 Prozent der Befragten an, das eigene Auto sei für die Sicherstellung der eigenen Mobilität im Alltag unverzichtbar.

Nun ist ja von einigen in Europa bestens etablierten Herstellern – nicht nur auf der Gerüchteschiene – zu hören, dass sie die weniger lukrativen Kleinwagen- bzw. Einstiegsmodelle einstellen wollen. Für mich als Berater ist das aus kaufmännischer Sicht eine durchaus nachvollziehbare Entscheidung. 

Aus strategischer Sicht sieht das anders aus: Jene 50% der Käufer, die schon jetzt Angst haben, sich das Auto bald nicht mehr leisten zu können, werden Alternativen suchen und/oder in anderen Preisklassen kaufen. Denn für zumindest 77% ist das Fahrzeug ja unverzichtbar.

Für die nun auf den Markt kommenden chinesischen Hersteller – mit vielen Modellen in der Einstiegsklasse – geht das Tor zu Europa damit ganz weit auf. Die Erfolge für diese Hersteller sind so schon jetzt absehbar. 

Aber was wird passieren, wenn dann der Absatz der Kompakt- oder Mittelklassefahrzeuge der etablierten Hersteller weit unter deren Produktionszielen liegt? Man wird wahrscheinlich versuchen über Incentives, Nachlässe und Preisrepositionierungen (siehe Tesla) den Absatz auf das geplante Zielniveau zu bringen. Kaufmännisch ist das sehr schnell ein Schuss ins schon geheilt geglaubte Ertrags-Knie. 

Betriebswirtschaft, Strategie, Preis, Produkt und Vertrieb sind in der westlichen Wirtschaft (fast) immer miteinander verzahnt. Wir sollten das wissen. Schon ein einziges falsch positioniertes Zahnrad in einem Getriebe führt zu einem Getriebeschaden. 

Hoffen wir sowohl als Konsumenten als auch als Mitarbeiter der Automobilwirtschaft, dass dieses defekte Zahnrad in der Produktstrategie rechtzeitig erkannt und geändert wird.

Horst Pohl ist mit der HP Autohausconsulting Unternehmensberater mit Schwerpunkt Automobilbranche.

Der A&W-Verlag bildet ein breites Meinungsspektrum ab. Kommentare müssen nicht der Meinung des Verlages entsprechen.