Wie schon nach den ersten Interviews nach dem Amtsantritt von Oliver Blume berichten mehrere Medien nun erneut von einer Kehrtwende des VW-Chefs bei der Antriebsstrategie.
Dieses Mal war ein Blume-Interview in „auto motor und sport“ (in seiner Funktion als Porsche-Chef) der Auslöser. Dort hat er in mehreren Antworten die Elektro-Strategie der Sportwagen-Marke und in einer Antwort – wie immer – die Bedeutung der E-Fuels für den Bestand erklärt.
Die Reaktionen gipfelten dieses Mal – neben zahlreichen Interpretationen in Medien und Social-Media-Kanälen – in einer Headline im deutschen Focus: „VW-Chef legt beim Elektroauto die 180-Grad-Wende hin.“
Das ist nicht nur aus journalistischer Sicht besorgniserregend. Die ganze Dynamik zeigt auch, wie stark die Hoffnung auf Kontinuität (bzw. die Angst vor Veränderungen) ist und wie ein „Bewahrer“ der Ist-Situation herbeigesehnt wird.
Vergeblich. Die Hoffnung der Verbrenner-Bewahrer (inklusive FDP-Chef Lindner) wurde beim deutschen Mobilitätsgipfel durch eine – erneute – Klarstellung seitens Blume zerstört: Beim Neuwagen liege der Fokus klar auf der E-Mobilität, E-Fuels würde man für den Bestand und für Nischenfahrzeuge sehen, so die überlieferten Statements des VW-Chefs (etwa hier).
Für die Autoindustrie sind synthetische Kraftstoffe nicht Teil ihrer Strategie. So sehr und so dringend die (noch nicht verfügbaren) E-Fuels für Flugzeuge, Schiffe und auch für den Pkw-Bestand benötigt werden: für die europäische Antriebsentwicklung sind sie kein Gamechanger. Sie werden an der europäischen Transformation zum E-Auto – mit allen Verzögerungen, Übergangsfristen und Ausnahmegenehmigungen – nichts ändern. So ehrlich sollte die Branche sein.
Ohne Ideologie und ohne Emotion: Es geht nun vielmehr um den Fortbestand der klassischen Autobranche, um das klassische Autohaus. Stellt sich eine Branche bzw. deren Unternehmen der größten Transformation seit der Erfindung des Automobils, oder müssen viele Betriebe aus reiner Realitätsverweigerung ausscheiden?
Bei den Autoherstellern ist die Entscheidung längst gefallen, massive Investitionen und klare Fahrpläne zeichnen den Weg zur Elektromobilität vor. Und bei dieser Reise können nur mehr jene Händler dabei sein, die in die gleiche Richtung fahren und sich dem Thema stellen.
Wir haben tatsächlich noch Zeit (und noch einige Aufgaben) für den größten Teil dieser Transformation. Wer sich als Autohaus-Betreiber aber nicht allerspätestens jetzt intensiv damit auseinandersetzt, sich darauf vorbereitet und investiert, wird in einigen Jahren nicht mehr Teil der Branche sein.
Es wird diesen Betrieben an E-qualifizierten Mitarbeitern, sowohl im Service wie auch im Verkauf, mangeln, es wird an Werkstatt-Ausrüstung, Energieversorgung, Ladepunkten und Kooperationen mangeln. Es wird ohne E-Kompetenz keine Händlerverträge geben.
Und es wird auch keine Kunden geben. Denn denen hat man schließlich jahrelang erzählt, dass die Elektromobilität Schwachsinn ist und sich nicht durchsetzen wird. Die Kunden haben ihr Fahrzeug dann bereits woanders gekauft. Hoffentlich bei einem etablierten Händler und nicht direkt und online beim Hersteller.
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