Ohne Freiheit des Denkens und der Rede gibt es keine Innovation. Ohne Innovation gibt es keinen Fortschritt, und ohne Fortschritt keinen nachhaltigen und einigermaßen gerecht verteilten Wohlstand.
Das können Sie eine Binsenweisheit nennen, oder historischen Unsinn. Ich nenne es die Beobachtung eines Österreichers, der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufwuchs und schier grenzenlosen wirtschaftlichen und technologischen Fortschritt miterlebt hat.
Das offenbare Gegenbeispiel ist keins: Weder sehe ich in China echte Innovationskraft, noch kann ohne politische Öffnung dort nachhaltiger Wohlstand entstehen. Das Modell der digital gleichgeschalteten Stimmvieh-Zombies, die bis in alle Ewigkeit die Elektrogeräte der westlichen Welt zusammenlöten, ist nicht zukunftsfähig.
Den Angriff Russlands auf die Ukraine beschreibt der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer („Der Standard“ vom 27. Februar) als die Attacke einer „modernisierungsresistenten“ Macht von gestern auf eine zukunfts- und chancenorientierte Gesellschaft. Es ist wie ein Lehrstück: Als letzte Chance bleibt der rückwärts gewandten Autokratie nur die Gewalt. Um im freien Wettbewerb bestehen zu können, müsste erst den eigenen Bürgern erlaubt sein, den Mund aufzumachen.
Sie ist für die Oberen unbequem, die Freiheit – auch in unseren liberalen Ländern. Dazu kommt, dass in Demokratien auch am anderen Ende der Macht-Skala die gefühlte Ohnmacht der „schweigenden Mehrheiten“ sozialen Sprengstoff birgt, wie sich anhand der Querelen um die Corona-Maßnahmen auch hierzulande deutlich zeigt. Die Bruchlinien, alt und neu: Links gegen Rechts, Binnen-I gegen Hausverstand, Diesel gegen Elektro, ...
Autokratie ist mies, aber auch Demokratie ist unbequem und will immer aufs Neue ausverhandelt werden.
Für nachhaltigen wirtschaftlichen Wohlstand braucht es also Kritikfähigkeit, Debattenkultur jenseits der Social-Hetze und grundsätzliche Akzeptanz des gegensätzlichen Standpunkts.
Es braucht, kurz gesagt, Verhältnisse, in denen der Satz „Sie haben Unrecht“ der Beginn eines Gesprächs ist, nicht dessen Ende.
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