Die Folgekosten des Abgasskandals kann Volkswagen bewältigen, ist Bratzel überzeugt. Die Gleichzeitigkeit mit der Marktschwäche in China, Russland und Südamerika mache jedoch „harte Einschnitte zur Kostenreduzierung“ unvermeidlich – im Falle anhaltender Absatzprobleme bis hin zu Kündigungen. Dass angesichts dessen mit Matthias Müller (Vorstandsvorsitzender) und Hans Dieter Pötsch (Aufsichtsratsvorsitzender) zwei Manager mit langjähriger Konzernerfahrung an die Schlüsselpositionen gesetzt wurden, ist für den Direktor des „Center of Automotive Management“ in Bergisch-Gladbach nachvollziehbar: „Prinzipiell würde die Besetzung der zentralen Leitungspositionen mit Führungskräften außerhalb des Volkswagen Konzerns einen Neuanfang zwar deutlich klarer symbolisieren. Unabhängig von der Frage der Verfügbarkeit geeigneter Kandidaten wäre ein Machtvakuum oder eine längere Einarbeitungsphase in der derzeitigen Krisensituation jedoch fatal.“
Nunmehr mahnt Bratzel ein Umdenken ein: Unternehmerische Erfolge hätten zu lange strategische Probleme (etwa die Verwundbarkeit durch die große Abhängigkeit von China) sowie „fundamentale Defizite“ in der autoritären, die Abgasmanipulationen erst ermöglichenden Unternehmenskultur verdeckt. „Gelingt dieser Wandel, könnte Volkswagen sogar deutlich gestärkt aus der Krise hervorgehen“, so Bratzel.
Der Branchenkenner fordert eine unabhängige Untersuchung des VW-Skandals sowie ein Umdenken der (deutschen) Politik: Dass diese lange nicht auf hohe Stickoxidbelastungen sowie den Unterschied zwischen Norm- und Realverbräuchen reagiert habe, lege eine „Kultur des Wegschauens“ nahe.
Die gegenwärtig medial gescholtene Dieseltechnologie ist laut Bratzel unabdingbar, um die mittelfristigen CO2-Ziele in Europa zu erreichen. Auf lange Sicht solle der Abgasskandal freilich als „Initialzündung für eine Neuorientierung der Antriebsstrategien der deutschen bzw. europäischen Automobilindustrie“ dienen, meint Bratzel: „Die deutschen Hersteller sollten intensiv prüfen, ob sie den schweren ‚Rucksack’ bisheriger Technologien nicht besser ablegen und sich konsequenter neuen Antrieben zuwenden sollten. Neue Wettbewerber wie Tesla oder künftig etwa Apple bündeln bereits ihre Ressourcen auf die Elektromobilität.“
