Wenn man über den Reifenwechsel spricht, kommt bei vielen Menschen und Stammtischen der Boxenstopp in der Formel 1 in den Fokus. Natürlich strebt man in der Werkstätte nicht die 1,8 Sekunden an, die McLaren 2023 erzielt hat, aber dennoch haben die Formel-1-Box und die Reifen-Bühne Gemeinsamkeiten, wenn es nämlich um die Vorbereitung, Planung und um Prozesse geht. Denn sowohl der eigentliche Wechsel wie auch die Abläufe davor und danach könnten ziemlich stark standardisiert und vereinheitlicht werden. Die Betonung liegt auf könnte, denn das Potenzial ist zweifelsfrei noch hoch.
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Ein Beispiel dafür, wie nahe man an einen perfekten Prozess kommen kann, ist Thomas Marxrieser mit seinen Betrieben in Linz/Leonding und Strengberg. Sein hohes Streben nach Exzellenz („Perfektionismus hab ich gestrichen, denn es kann nie perfekt sein!“) und nach laufender Verbesserung hat in wenigen Jahren eindrucksvoll Früchte getragen. Dabei hat Marxrieser den Reifenwechsel-Prozess nicht neu erfunden, lediglich ein paar Abläufe anders gedacht und den gesamten Ablauf optimiert. So dauert heute jeder Slot exakt 15 Minuten. „Wir sind in der Saison abends noch nie so pünktlich aus dem Betrieb gegangen wie seit der letzten Optimierung.“
Der Wechsel selbst dauert weniger als 10 Minuten, da sind Reifen und Fahrzeug bereits vorbereitet. „Bei uns fährt nicht der Monteur das Auto auf die Bühne, sondern der Verkaufsmitarbeiter“, so Marxrieser. Er holt das Fahrzeug auch wieder ab und parkt es – in Fahrtrichtung – für den Kunden wieder ein. Zeit dafür ist vorhanden, denn alle 15 Minuten kommt der nächste Kunde, ohne Termin geht gar nix.
Kunden und Mitarbeiter mitnehmen
Doch wie setzt man einen guten Prozess um: „Entscheidend ist, die Kunden und die Mitarbeiter mitzunehmen“, so Marxrieser: „Die Frage ist, wie der Kunde den Betrieb wieder verlassen soll.“ Denn niemand kommt gerne zum Reifenwechsel. Also muss der Betrieb dafür sorgen, dass jeder, der kommt, möglichst schnell wieder weg ist und der Aufenthalt möglichst angenehm ist: mit einem einladenden Aufenthaltsbereich, gutem, kostenlosem Café und aktuellen Zeitschriften. Ebenso entscheidend ist es, dem Mitarbeiter die Veränderung zu erklären, warum es auch für ihn danach besser wird und dass es nicht darum geht, ihn wegzurationalisieren.
Ehrgeiz zur Optimierung und Neukundengewinnung
Warum ist Marxrieser das neben dem Ehrgeiz zur Optimierung so wichtig? „Über den Reifenwechsel gewinnt man neue Kunden“, so Marxrieser: „Ein Kunde wechselt nicht so einfach den Betrieb, wenn es um Fahrzeug-Kauf oder -Reparatur geht. Beim Reifen ist der Schritt leichter. Deshalb ist der Reifen ein Türöffner und auf diesem Weg haben wir alle unsere Fuhrpark-Kunden gewonnen.“
In der Optimierung von Prozessen verweist Marxrieser auch auf die individuelle Lösung für jeden Betrieb: „Der Prozess muss zu den Ressourcen passen, was ist mit Personal, Bühnen, Lager und den eigenen Möglichkeiten machbar“, so Marxrieser. „In meinem Betrieb arbeitet ein Mann pro Auto, in anderen Betrieben können es zwei sein. Jeder muss für sich den richtigen Prozess finden.“ Je optimierter und straffer der Ablauf ist, umso besser müssen auch Ausfälle von Mitarbeitern vorgesehen sein.
KI übernimmt die Zeitfresser
Der nächste Schritt ist der verstärkte Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Schon heute hat Marxrieser eine Telefon-KI namens Stella im Einsatz. Auch die Logistik-Vorbereitung für den nächsten Tag, also die richtigen Reifen am richtigen Platz, wird gerade von einer KI-Lösung übernommen. Die nächsten Projekte, gemeinsam mit seinem Bruder, sind in der Umsetzung.
„Das Ziel ist, dass Menschen wieder mit Menschen kommunizieren. Wenn KI Zeiträuber wegnimmt, entstehen wieder zeitliche Ressourcen“, so Marxrieser. „Wenn es gelingt, dass Kunden gerne kommen, weil es menschelt und sie eine gute Zeit verbringen, entsteht eine große Chance“, so Marxriesers Ziel.
