Während der Tesla Y im ersten Quartal das meistverkaufte Modell in Österreich ist, während auf der Automesse in Shanghai die Erfolgsgeschichte der E-Mobilität abgefeiert wird, neue Batterietechnologien vorgestellt werden und die deutsche Autoindustrie alle Anstrengungen unternimmt, um den globalen Rückstand in der E-Mobilität aufzuholen, ist der österreichische Bundeskanzler in den vergangenen Tagen – mit seiner Forderung nach dem grünen Verbrenner – mehrfach als technologischer Geisterfahrer aufgetreten. „Nahezu anachronistisch“, wie der international anerkannte Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer im puls4-Interview erklärt.
Dabei hat sich in diesen Tagen auch medial viel bewegt. So haben sich viele Journalisten (selbst Kolleginnen und Kollegen aus der Innenpolitik) intensiv mit dem Thema E-Fuels für Neu-Pkw beschäftigt und in zahlreichen Artikeln und Kommentaren dargelegt, dass der Bundeskanzler damit auf einem technologischen Holzweg ist.
Das dürfte dem Kanzler selbst und seiner Entourage auch beim Besuch bei BMW in Steyr aufgefallen sein. Statt großes Wehklagen über das Ende des Verbrenners hat man dort stolz über ein Investment von 1 Milliarde Euro in den Aufbau einer Elektromotor-Produktion, über die Chancen und Möglichkeiten der Transformation und über die Zukunft der E-Mobilität gesprochen.
Und so hat sich auch der eher als E-Fuel-Gipfel geplante Termin – mit Experten hauptsächlich aus diesem Bereich – dann doch zu einem Autogipfel entwickelt. Nach Engagement des Arbeitskreises der Automobilimporteure und dem Fachverband der Fahrzeugindustrie (WKO) wurde die Einladungsliste deutlich erweitert. Auch wenn niemand aus dem Bereich der E-Mobilität eingeladen wurde, konnte die Entwicklung in der Antriebstechnologie dort klar dargestellt werden. Und die ist unbestritten elektrisch. Zudem konnten die Forderungen der Industrie, vor allem im Bereich der Förderungen für den Produktionsumbau dort deponiert werden. Soweit zum Geschehen hinter verschlossenen Türen.
Bei der kurzen Abschluss-Pressekonferenz war man dann dennoch nicht sicher, ob Wirtschaftsminister Martin Kocher und Bundeskanzler Karl Nehammer der selben Veranstaltung beigewohnt haben. Während Kocher über die notwendigen Förderprogramme in der Transformation gesprochen hat, konnte Nehammer sein Märchen vom grünen Verbrenner dann doch (noch) nicht lassen.
Dafür stellte sich Nehammer mit dem emeritierten Professor Georg Brasseur vor die Kamera, der in Interviews gerne erklärt „dass die E-Mobilität so schnell verschwinden wird, wie sie gekommen ist.“ Ohne dem Professor seine Qualitäten in seinen Fachgebieten abzusprechen: einen E-Auto-Leugner als wichtigen Berater des Bundeskanzlers zu positionieren, ist ein schlechtes Signal an die europäische Automobilindustrie und die so wichtigen Investoren der wachsenden E-Mobilität bzw. der Geschäftsfelder drumherum.
Auch der zweite, von Nehammer forcierte Experte, scheint in dieser Hinsicht nicht der geeignete Berater zu sein. Prof. Robert Schlögl ist ein ausgezeichneter Chemiker, der die technischen Möglichkeiten von E-Fuels wahrscheinlich wie kaum ein anderer versteht. Von Automobilproduktion und Geschäftsmodellen hat er vermutlich weniger Ahnung. Eine vertrauensbildende Maßnahme für einen Schulterschluss mit der Automobilindustrie ist auch Schlögl nicht.
Warum die betroffenen Experten von BMW, Magna, AVL List oder einem starken österreichischen Automobilcluster nicht zu Wort kommen durften, wird seine Gründe haben. Die Realität beleuchtet – wie schon im A&W-Interview – Jürgen Rechberger von AVL List, allerdings erst im abendlichen ZIB2-Gespräch.
Zusammengefasst dürfte der Autogipfel für die politischen Teilnehmer sehr erhellend gewesen sein und es ist zu hoffen, dass sich zumindest auf administrativer Ebene die Förderungsweichen entsprechend entwickeln und man das Autoland Österreich in die richtige (europäische) Richtung lenkt. Und die ist batterielelektrisch, ob man das mag oder nicht!
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