In Kärnten und Osttirol waren die Namen Daimler und Teissl 86 Jahre lang untrennbar miteinander verbunden. Am 29. Oktober kam es zum Knalleffekt: Dem Landeshändler, der mit seinen Standorten in Villach, Klagenfurt und Lienz 2013 noch 451 neue und 305 gebrauchte Pkws, 163 Transporter sowie 66 schwere Nutzfahrzeuge abgesetzt hatte, wurden fristlos alle Vertriebs-und Serviceverträge gekündigt. Die Begründung: Durch jahrelang falsch verrechnete Stützungsbeträge war dem Importeur ein Schaden von rund 1,4 Millionen Euro entstanden.
Ein Fall für die Gerichte
"Das hätte nicht passieren dürfen und da gibt es auch nichts zu entschuldigen", sagt Dr. Helmut Teissl, geschäftsführender Gesellschafter in dritter Generation, zu den Malversationen. Die Kündigung sei dennoch eine "rechtlich höchst fragwürdige Maßnahme": Schließlich habe man das Fehlverhalten selbst aufgedeckt, dem Importeur gemeldet und den Schaden beglichen. Teissl schlug daher vor, die fristlose Kündigung einvernehmlich in eine Vertragsauflösung zum 31. Dezember 2015 umzuwandeln. Dies hätte einen "geordneten Verkauf" der Autohausgruppe ermöglichen sollen, wurde vom Importeur jedochabgelehnt. Ende November rief Teissl daher seinerseits die Gerichte an: Zum einen wurde eine einstweilige Verfügung "zur Abwendung der Nachteile der fristlosen Vertragskündigung" beantragt, zum anderen wurde eine Schadenersatzklage eingebracht.
Bei Mercedes-BenzÖsterreich steht man all dem gelassen gegenüber: "Das von der Firma Teissl aufgebaute System war mehr als fragwürdig. Wir begrüßen daher jede rechtliche Klärung des Sachverhalts", so Pressesprecher Mag. Bernhard Bauer. Er widerspricht in wichtigen Details der Darstellung des ehemaligen Händlers: So seien die Malversationen erst gemeldet worden, als bekannt wurde, dass Daimler bei allen österreichischen Vertriebspartnern eine Revision durchführen wird.
Breite Front gegen Daimler
Brisant ist der Streit nicht nur deshalb, weil es sich bei der Firma Teissl um den traditionsreichstenösterreichischen Vertragsbetrieb handelte. Aufgrund der außergewöhnlichen Vertriebsstruktur bei Mercedes und smart gibt es in Südösterreich, abgesehen von 3 vormaligen Subhändlern und einem Servicepartner, plötzlich keine Markenbetriebe mehr. Das verunsichert Privatkunden ebenso wie einflussreiche Großabnehmer: Der Kärntner Landeshauptmann Dr. Peter Kaiser sandte ein Schreiben an den Importeur, in dem er darauf hinwies, dass die Servicierung einer großen öffentlichen Flotte an (Nutz-)Fahrzeugen sichergestellt werden müsse. Die Kärntner Frächter kündigten an, die von Teissl beantragte einstweilige Verfügung zu unterstützen. Hermann Lipitsch, Nationalratsabgeordneter der SPÖ und Landesvorsitzender des ÖGB, sandte gar ein Schreiben an Konzernchef Dr. Dieter Zetsche. Darin wird Daimler "modernes Raubrittertum" vorgeworfen: "Es macht sich in der Öffentlichkeit das Gefühlbreit, dass der Daimler AG die rund 160 Mitarbeiter völlig egal sind und im Regen stehen gelassen werden."
Die Zeit drängt
Allen Unterstützungsbekundungen zum Trotz führt Teissl ein Rückzugsgefecht. Bis spätestens Ende März 2015 will er das Familienunternehmen verkaufen -an wen, ist bislang offen. Wiesenthal und Pappas, die beiden großen österreichischen Mercedes-Händlergruppen, winken ab. Ein vom Importeur vermitteltes Angebot mehrerer Salzburger Privatinvestoren wischte Teissl vom Tisch: "An einer Verpachtung sind wir nicht interessiert."
Für die Belegschaft tickt angesichts dessen die Uhr. 142 Mitarbeiter wurden bereits beim Frühwarnsystem des AMS angemeldet. Sollte es in den nächsten Wochen nicht gelingen, einen Käufer aufzutreiben, werden sie am 31. März ihre Arbeitsplätze verlieren.
Auch bei Mercedes-Benz ist man nicht so ruhig, wie es nach außen hin vermittelt wird. Selbst wenn die Kündigung juristisch berechtigt war, hat der Importeur die öffentlichen Reaktionen falsch eingeschätzt. Gelingt es nicht, die in Südösterreich entstandene Lücke im Vertriebsnetz rasch zu schließen, bleibt neben dem Imageschaden auch das auf der Strecke, was jedem Autohersteller heilig ist -der Marktanteil.
"Ich bin kein Ja-Sager"
Gegenüber den Medien hielt sich Dr. Helmut Teissl lange bedeckt. AUTO&Wirtschaft führte das einzige Interview mit dem Autohauschef.
A&W: Wie konnten die offensichtlichen Malversationen so lange unerkannt bleiben?
Teissl: Natürlich habe ich mir diese Frage auch schon oft gestellt. Ich bin eigentlich nur zufällig draufgekommen, schließlich machen die falschen Abrechnungen nur einen sehr geringen Prozentsatz unseres Umsatzes aus. Auf die Handelsspanne bezogen, haben die widmungsfremden Stützungsverwendungen bei Nutzfahrzeugen das Ergebnis um 0,8 Prozent verbessert, bei Pkws nur um 0,15 Prozent. Dies ist geringer als die kleinste Bonus-Stufe im variablen Margensystem. Bei Pkws gingen die widmungsfremden Beträge zu zwei Dritteln in eine Nachlasserhöhung auf Kundenseite und somit in einer Steigerung von Stückzahlen ein. Da kommt man so leicht nicht drauf. Auch Mercedes-Benz ist nie etwas aufgefallen.
A&W: Laut Daimler erfolgte die "Flucht nach vorn" erst, als Ihnen kein anderer Ausweg mehr blieb.
Teissl: Das ist nicht korrekt. Richtig ist, dass ich mich mit den Abrechnungen beschäftigt habe, weil ich am 6.8. ein E-Mail vom Vertriebsleiter von Mercedes-Benz Österreich erhalten habe, in dem mir mitgeteilt wurde, dass wir neuwagenseitig einen fast doppelt so hohen Bruttoertrag erwirtschaften als der schwächste österreichische Händler. Ich konnte damit zuerst einmal nichtsanfangen und habe als erste Erklärung auf Fehlbuchungen getippt. Ich wollte natürlich wissen, was es damit auf sich hat. Dabei bin ich auf erste Ungereimtheiten in der Lkw-Abteilung gestoßen und habe sofort eine Innenrevision eingeleitet und Mercedes-Benz Österreich informiert. Das hat dann alles ins Laufen gebracht. Dass Mercedes-Benz Österreich eine externe Revision plant, wurde mir erst am 15.9. schriftlich angekündigt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon Mercedes-Benz über die mögliche Schadenshöhe informiert und vorsorglich 800.000 Euro als ersten Wiedergutmachungsbetrag überwiesen.
A&W: Könnte die nächste Generation der Familie Teissl noch als (Minderheits-)Gesellschafter fungieren?
Teissl: Wir konzentrieren uns auf einen kompletten Verkauf. Die Vorgangsweise von Mercedes-BenzÖsterreich hat nicht dazu beigetragen, dass sich das jemand aus meiner Familie weiter antun will. Eine Vertriebsnetzbereinigung mittels fristloser Kündigung aller Verträge mit dem Ziel der raschen Unternehmensliquidierung hat ein modernes Bild einer Franchise-Landschaft entworfen, das mit unseremBild des freien Unternehmertums nichts mehr zu tun hat.
A&W: Im Rückblick: Wäre es klüger gewesen, das Unternehmen zum Mehrmarkenhändler auszubauen, anstatt ausschließlich auf einen Lieferanten zu setzen?
Teissl: Betriebswirtschaftlich ja! Jedoch nicht, wenn man auf sein Herz hört. Aber Sie haben mit Ihrer Frage natürlich Recht: Man muss ein Geschäftsmodell hinterfragen, das im Margenmodell keine spannenmäßige Abgeltung für die Markenreinheit parat hält. Dass ein Mehrmarkenbetrieb sich noch lächerliche Standards wie getrennte Eingänge, Mauern im Schauraum, unterschiedliche Möblierungen und Fußböden gefallen lassen muss, ist ein weiteres Indiz dafür, dass die Herstellerpolitik für Händler zunehmend schwieriger geworden ist. Der für eine Marke brennende Händler, der Teil des Erfolges von Mercedes-Benz war, ist heute offensichtlich nicht mehr erwünscht. Heute braucht es DAX-treibende Stückzahl-Ja-Sager, und das bin ich nicht.
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