Egal ob innerhalb der Branche oder im Gespräch mit Bekannten außerhalb derselben: Abgesehen von der verheerenden Flut kommt man am Thema (deutsche) Autoindustrie, Volkswagen und Elektromobilität derzeit kaum vorbei. Die Meinungen – und Schuldzuweisungen – gehen dabei diametral auseinander.
Dabei hat die deutschen Hersteller offensichtlich zwei große Probleme:
- Problem Nummer 1 ist der Absatz- und Gewinn-Einbruch in China, weil man dort mit Digitalisierung und Elektromobilität den Anschluss verloren hat. Das hat nicht nur für die China-Niederlassung und den Gesamtkonzern dramatisch getroffen, es gefährdet den Standort Europa, weil dieser lange Zeit mit Übergewinnen versorgt wurde.
- Problem 2 ist der Volumens-Rückgang in Europa, der mit Corona die Branche plötzlich getroffen hat. Dabei war diese Gesundschrumpfung wohl notwendig und langfristig auch nicht aufzuhalten. Mit Überproduktion, Aktionitis und Kurzzulassungen haben Angebot und Nachfrage schon vor 2020 längst nicht mehr zusammengepasst, der Markt war stark überhitzt. Natürlich läuft es derzeit viel zu schleppend, aber die Zahlen sind näher an der Markt-Realität als vor Corona und die damaligen Stückzahlen werden wir auch nicht mehr erreichen. Fakt ist einfach, dass sich weniger Menschen ein neues Auto leisten können.
Den „Deutschen“ fehlen also Stückzahlen UND Erträge, eine äußert schlechte Mischung. Dazu kommen Energiepreise, Lohnkosten und Bürokratie, die als problematische Faktoren nicht kleinzureden sind. Ohne die beiden anderen Probleme wäre das vermutlich aber auch weiterhin zu stemmen.
VW-Diess hat schon 2021 gewarnt
Insgesamt kommt das alles nicht überraschend. Der damalige VW-Vorstand Herbert Diess hat schon 2021 gewarnt, dass bis zu 30.000 Jobs wegfallen könnten. Das ist exakt die Zahl, die Oliver Blume heute nennt. Mittlerweile wird die Zeit für die Umstrukturierung knapp, die Maßnahmen drastischer.
Detail am Rande: Stellantis, Mutter mehrerer europäischer Auto-Marken und ebensolcher Werke hat diese Restrukturierung schon hinter sich.
Ohne Einschnitte wird es also nicht gehen, ohne Stärkung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit ebenfalls nicht. Bleibt die Frage der Technologie, die vor allem am Stammtisch und bei der Politik heiß diskutiert wird.
Hochwertige Fahrzeuge für hochentwickelte Märkte
Klar ist: In Europa können nur hochwertige und moderne Fahrzeuge für anspruchsvolle Kunden gebaut werden. Märkte dafür sind Europa selbst, die Ballungszentren Chinas und große Teile Nordamerikas. Das hat nicht zwingend etwas mit Fahrzeuggröße und Premium zu tun, aber wir werden aus Kostengründen in Europa keine Billig-Modelle für Südamerika, Afrika oder Indien bauen können.
Diese hochentwickelten Märkte sind jene, die als erstes durchgängig elektrifiziert sein werden. „Die Zukunft des Autos, zumindest in Europa, ist elektrisch“, stellt etwa auch Günther Kerle, Sprecher der österreichischen Automobilimporteure in der heutigen Pressekonferenz klar.
Die Entwicklung ist also klar, diskutiert wird derzeit noch die Geschwindigkeit. Dabei wäre eine raschere Transformation, eine rasche Skalierung der neuen Technologie und eine Reduktion der Mehrgleisigkeitsphase sinnvoll.
Die Hersteller gibt es weiter, die Produktion in Europa ist in Gefahr
Über den Fortbestand der europäischen Autohersteller müssen wir uns nicht sorgen. Besorgt sein müssen wir aber um die Produktion in Europa. Investitionen von Audi oder Mercedes-Benzin in China, Kooperationen von VW in den USA und viele weitere Beispiele mehr zeigen bereits den Weg auf: wenn nicht in Europa, dann eben auf anderen Kontinenten. Mittlerweile werden Investitionen in Europa abgesagt oder aufgeschoben. Auf der Strecke bleiben die europäischen Mitarbeiter, bei den Autoherstellern selbst und vielfach bei den Zulieferbetrieben. Bei den angekündigten Produktionen chinesischer Hersteller in Europa handelt es sich – zumindest vorerst – um CKD- oder SKD-Produktionen, ein Großteil der Wertschöpfung, von Zulieferern bis zu Forschung und Entwicklung erfolgt natürlich in Asien.
Es braucht jetzt dringend Unterstützung in der Transformation, entsprechende Rahmenbedingungen aber auch (weiterhin) Förderungen, ein klares Bekenntnis und keine Verzögerungstaktik!
Die wichtigsten Entscheider sind dabei Politiker und Aktionäre. Beiden darf man unterstellen, dass sie eher am kurzfristigen Erfolg interessiert sind. Kurzfristiges Denken ist in der gewaltigen Transformation derzeit die größte Gefahr.
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