Warum ist (oder war) Tesla weltweit so erfolgreich? Ein Hauptgrund war sicher die innovative Technologie zu einem Zeitpunkt, als die E-Mobilität noch in ihren Babyschuhen steckte. Tesla produzierte vergleichsweise schnell nicht nur Luxus (Roadster, S und X), sondern mit dem Model 3 und spätestens mit dem Model Y auch massentaugliche E-Autos. Hinzu kam ein gewisser "Coolness"-Faktor, wie man das von Unternehmen wie Apple kennt, denn man fühlte sich einfach "gesehen", wenn man einen Tesla fuhr. Das Bild änderte sich in den vergangenen Jahren drastisch. Auch, weil Firmengründer und Eigentümer Elon Musk seinen Ausflug in die US-amerikanische Politiklandschaft wohl nicht ganz bis zum Ende durchgedacht hat. Diverse fragwürdige Aussagen und seine Funktion als Handpuppe von US-Präsident Donald Trump haben der Marke sichtlich geschadet. Die dicken Minus-Zahlen in den Neuzulassungsstatistiken sind zu einem großen Teil darauf zurückzuführen. Aber nicht nur. Was mich zum eigentlichen Thema meines Kommentars bringt: BYD.

Sehr viel, sehr schnell, sehr richtig

Der chinesische Konzern BYD ist für Europäer immernoch eine Art Newcomer. Dabei gibt es BYD bereits seit 1995, also gut 8 Jahre länger als Tesla. Doch BYD wurde mit der Produktion von Batterien groß (und hat selbst für Tesla Akkus zugeliefert). Die Auto-Sparte des Unternehmens wurde im gleichen Jahr wie Tesla (also 2003) gegründet. Man könnte also nach 22 Jahren sagen: Tesla hat es schlauer gemacht.

Wohl aber auch wegen der amerikanischen Power im Westen, während BYD sich vor allem auf Zulieferung und den Heimatmarkt beschränkt hat. Spätestens aber seit 2020 ist BYD auch in Europa auf dem Vormarsch. Der chinesische Konzern hat erkannt, dass der Massenmarkt der Schlüssel zum Erfolg ist. Mit Startern wie dem Dolphin und dem Atto 3, den Kassenschlagern Seal, Seal-U und Sealion 7 und nun mit den preisgünstigen Modellen Dolphin Surf und Atto 2. BYD bietet für jeden Geldbeutel das passende Gefährt. Anders als Tesla setzte man auf die Strategie, dass lieber jeder einen günstigeren BYD fahren soll, als die Marke zu etwas Exklusivem zu machen.

"B" für Breitenwirksam

Und hier setzt ein weiterer Punkt an, der BYD zum Erfolg verholfen hat: Kluges Wachstum mit der Hilfe von lokalen Partnern. Denn das "E" in Tesla steht für Exklusiv. Während Tesla nämlich nicht auf den stationären Autohandel setzte und lieber seine eigenen Brötchen backt, hat BYD verstanden, dass der europäische Markt nur in Kooperation mit den Autohändlern funktionieren kann. Denn das "B" in BYD steht für Breitenwirksam. Diese Infrastruktur, inklusive Ersatzteil- und Reparatur-Management baut BYD sukzessive aus. Nicht nur in Österreich, sondern in allen europäischen Ländern, in denen es BYD aktuell gibt.

Nun folgt der nächste logische Schritt. Dass der Erfolg oder Misserfolg der E-Mobilität nicht im Autohaus, sondern an der Ladesäule (oder dem Fehlen selbiger) entschieden wird, hat bereits Tesla gezeigt. Ein Teil des Musk'schen Imperiums ist das Supercharging-Netzwerk. Und das macht BYD jetzt einfach auch. Allerdings gleich einen Schritt weiter mit Ladeleistungen jenseits der 1.000kW (neue Modelle, die das auch vertragen, inklusive). Mit einem eigenen Netzwerk und vor allem schnellen Ladezeiten hebelt man gleich zwei der größten E-Mobilitäts-Kritikpunkte gleichzeitig aus.

Aber...

Was bis hier hin wie eine Lobhudelei auf den staatlich gestützten chinesischen Autokonzern klingt, war lediglich eine Zusammenfassung dessen, was BYD nach etwas mehr als 4 Jahren in Europa bereits erreicht und gut gemacht hat. Dass der Konzern aus einem Land kommt, in dem man es mit Menschenrechten nicht so genau nimmt, bleibt einer der größten Kritikpunkte. Dass BYD nur so groß geworden ist, weil China als Staat dieses Wachstum massiv unterstützt hat, ist ebenfalls eine Wettbewerbsverzerrung. 

Doch der Erfolg von BYD ist nicht in Stein gemeißelt. Zugegeben, dass BYD-Gründer Wang Chuan-fu einen ähnlichen gesellschaftspolitischen Suizid begeht, wie es Elon Musk in den USA getan hat, ist zu bezweifeln. Wohl auch, weil Aussagen aus China in Europa oder generell im Westen bei weitem nicht so hochgekocht werden, wie die leichteste Flatulenz aus den USA.

Aber BYD steht vor anderen Hürden: Die EU-Zölle sind aktuell sicher der größte wirtschaftliche Hemmschuh, dem BYD vorerst gegenübersteht. Lokale Produktion, die auch dem Wirtschaftsstandort Europa hilft, wird da langfristig sicher helfen. Aber in der EU (und auch den USA) wird "der Chinese" gern als das neue Feindbild nach "dem Russen" stilisiert. Dabei ist schon jetzt klar, dass Mobilität auf Jahrzehnte nicht ohne China funktionieren wird, wie nicht zuletzt "Autopapst" Ferdinand Dudenhöffer erklärte.

Kluge Entscheidungen in Sachen Produktionsstandorte, Kooperation mit der EU und schlussendlich auch die Modellpalette werden darüber entscheiden, ob BYD in 10 Jahren ein ähnliches Schicksal wie jetzt Tesla erleidet.

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