Der China-Kenner, Journalist und Buchautor Frank Sieren ist der österreichischen Autobranche spätestens seit dem Marktstart von Omoda/Jaecoo im Wiener Museumsquartier kein Unbekannter mehr. Sieren sprach dort in seiner Keynote über die Stärke der chinesischen (Auto-)Industrie und die dominante Rolle des Landes innerhalb einer neuen Weltordnung.

Grund genug für mich, mir "Der Auto-Schock", das neueste Buch des Deutschen, der seit langem in China lebt, zu Gemüte zu führen. Interessiert las ich über den Werdegang zahlreicher chinesischer Autohersteller und ihre Strategien für den Heimat- wie den Weltmarkt. Für den Autor sind diese Player den europäischen heute bereits einige Schritte voraus – was ihn zu fundamentaler Kritik an Europa führt. 

Etwa so: „Wir waren so stolz auf das, was wir gut konnten, dass wir nichts Neues mehr anpacken mochten.“ Oder: „Es kann nicht sein, dass das autoritäre System Chinas inzwischen innovatives Denken und unternehmerisches Handeln mehr fördert als es die freiheitlichen Demokratien Europas tun“. 

Der letzte Satz hat mich schockiert. Ist es schon so weit gekommen? China, das war doch bis vor ein paar Jahren nur eine Art Riesen-DDR, in der ein Politbüro alle Details des Lebens in Fünfjahresplänen vorgibt, oder nicht? Damit müssen die doch eher heute als morgen krachend scheitern, nicht wahr?

Nun gut, generell scheint sich der Autor mit kritischen Blicken auf seine Wahlheimat ein wenig schwerzutun. Außerdem kann ich Sierens euphorische Fahrberichte chinesischer Autos nicht hundertprozentig bestätigen. Ich fahre auch so manchen chinesischen Testwagen, und obwohl sich diese meist als einwandfreie Autos auf Augenhöhe mit der europäischen Konkurrenz erweisen, als bahnbrechend überlegen habe ich noch keines wahrgenommen. 

Aber so manches Kapitel – etwa jenes über den Xiaomi-Konzern und dessen integriertes digitales Universum, in dem das Auto nur ein Gadget von vielen ist – in dem Buch muss uns als Europäer wachrütteln. Ebenso die politische Botschaft des Buches: China als Anführer von Staaten des „globalen Südens“, die ihre eigenen Ideen von einer Weltordnung haben und die den Westen nicht länger als Leitstern akzeptieren.

Ich teile nicht Sierens Meinung, dass Europa und seine Autowirtschaft sich China als zweite Geige unterordnen muss: Europa muss seinen eigenen Weg finden – was die Situation allerdings nicht leichter macht. Umso mehr, als manch Politiker auf der Suche nach diesem Weg gerade zielsicher zurück in die Vergangenheit tapst und technologie-nostalgisch den Gang ins "Dieselreservat" Europa vorschlägt. Ein Irrweg, wie ich fürchte, welcher die Industriegiganten der wiedererstarkten Weltmacht China sicher nicht erzittern lässt.

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