Stellen Sie sich einmal folgendes vor: Ihr Haustürschlüssel ist im Schloss abgebrochen. Glücklicherweise ging die Tür noch auf, aber das Schloss ist leider hinüber. Und nun stellen Sie sich vor, Sie müssten nicht einfach ein neues Schloss installieren (lassen), sondern Sie müssen die gesamte Tür tauschen. Und weil dem nicht genug, müssen Sie alle Innen- und Außentüren tauschen. Wegen eines kaputten Schlosses bei der Eingangstür.
Vor diesem Problem stehe ich gerade mit meinem Auto. Aus Transparenzgründen will ich sagen, dass es sich dabei um eine eher neuere Marke am österreichischen Markt handelt. Und ja, es ist ein E-Auto – das hat aber mit der Geschichte nichts zu tun.
Hinterlister Anschlag
Vor mehr als einem Monat wurde mein Fahrzeug Opfer eines hinterlistigen Anschlags. Ein Marder hat es sich wohl in der Nähe meines ABS-Sensors gemütlich gemacht und hatte nichts Besseres zu tun, als das entsprechende Kabel durchzubeißen. Zahlreiche Fehlermeldungen am Display im Fahrzeug waren die Folge, einige Funktionen waren nicht mehr abrufbar. Darunter auch fahrrelevante Funktionen wie die Rekuperation und etwaige Sicherheitssensoren.
Kurz darauf war mein Auto zur ersten Begutachtung in einem Mehr-Marken-Betrieb und siehe da: man kann das Kabel nicht einfach tauschen. Reparaturvorgabe des Technikerteams: "Kabel behelfsmäßig löten, um Fahrbereitschaft herzustellen. In weiterer Folge den kompletten Kabelbaum tauschen.“ – Ja, Sie haben richtig gelesen. Den kompletten Kabelbaum. Das etwa 40 Zentimeter lange Kabel, welches sogar mit einem Stecker versehen ist, kann nicht einfach getauscht werden. Es muss ein neuer Kabelbaum her. Sie erinnern sich an den Tür-Tausch?
Es ist natürlich sehr ärgerlich und von Nachhaltigkeit in der Fahrzeugreparatur weiter entfernt als die oben besagte Eingangstür vom Mond. Aber es geht nicht anders. Gottlob habe ich eine Vollkasko-Versicherung, die den Schaden ohne Selbstbehalt abdeckt. Sonst wäre dieser Schaden nämlich zu einem massiven Problem für mich geworden.
Augen auf bei der Partnerwahl
Dieser Fall soll aber vor allem eines verdeutlichen, nämlich wie schwierig es mittlerweile für Werkstätten ist, für die Kunden zufriedenstellende Lösungen anzubieten. Denn natürlich hätte die Werkstatt lieber das Kabel getauscht und mich nach einer Stunde Wartezeit wieder glücklich nach Hause geschickt. So musste aber neben einem Sachverständigen der Versicherung und einer entsprechenden Freigabe des Schadens durch die Selbige zusätzlich noch ein Ersatzfahrzeug organisiert werden und das Kabel in einer mehr oder weniger behelfsmäßigen Art und Weise repariert werden. Und in einigen Monaten, wenn dann der Kabelbaum geliefert wird, bedeutet dies wieder deutlich höheren Mehraufwand für alle Beteiligten. Gewinner gibt es in dieser Rechnung keinen.
Ob dieser Fall nun dem Umstand geschuldet ist, dass der Hersteller hierzulande noch nicht so etabliert ist, wage ich zu bezweifeln. Ob es vielleicht an der gängigen Geschäftspolitik im Heimatland jenes Herstellers liegt, wo Volumen wichtiger als Reparaturfähigkeit ist – Möglich. Aber für Autohändler sollte dies ein mahnendes Beispiel sein, sich genau zu überlegen, wen man sich künftig vielleicht neu ins Haus holt. Denn Reparaturen können und werden immer passieren, darüber macht man sich aber erst Gedanken, wenn es so weit ist. Bei den Verhandlungen wird das aber bei den wenigsten ein Thema sein.
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