Die Digitalisierung des Autos verändert die Autowelt schneller, als wir uns dies vorstellen konnten. Dazu kommt der verpflichtende Wechsel zur E-Mobilität. Diese Änderungen werden letztlich so einschneidend sein wie etwa der Wechsel vom Bargeld zu einem digitalen Zahlungssystem. Der derzeitige Wechsel vom „freien“ Autohandel hin zum Agentursystem und zum Hersteller-Direktvertrieb ist nur ein erster Bote dieser neuen Auto-Welt.

Rechtlicher Ausgangspunkt der Digitalisierung war das 2018 verpflichtend eingeführte eCall--System. Dieses Notrufsystem meldet unabhängig vom Lenker automatisch einen Unfall und leitet alle unfallrelevanten Daten wie Fahrzeugkennung, Unfallort, Fahrtrichtung, Fahrzeugtyp etc. an eine einprogrammierte Zentrale weiter. Voraussetzung dafür ist eine IP-Adresse, mit der jedes Elektronikgerät – wie der menschliche Fingerprint – im Internet seine individuelle Identität zugewiesen bekommt. Die EU-Vorschrift lautet: Jedes Auto muss immer und überall identifizierbar sein.

Jedes Handy, der Billigdrucker zu Hause oder der Kühlschrank im Smart Home, all diese Milliarden Online-Geräte sind exakt registriert. Deren IP-Adressen sorgen dafür, dass die Daten jeweils an den richtigen Ort gelangen. Beim Computer ermöglicht dieses System seit Jahren die Fernwartung, ohne dass dafür extra ein IT-Techniker vor Ort anreisen muss.

Diese Fernbedienung dient etwa dazu, dass Leasingfirmen künftig zahlungsunwilligen Kunden nicht mehr analog nachlaufen müssen. Jetzt reicht ein Knopfdruck in der Zentrale, um die Weiternutzung des Autos zu stoppen. Da durch sein GPS-System auch dessen Standort bekannt ist, steht einer Rückholung nichts im Wege. Was bei Leasingfirmen funktioniert, geht natürlich ebenso beim Direktverkauf der Hersteller. Zwei, drei offene Raten und schwupp! ist das Auto – vielleicht schon automatisch – wieder daheim beim Verkäufer.

Das Auto mutiert zum IT-Tool – wie all die anderen elektronischen Geräte. Voraussetzung sind „bloß“ ein flächendeckendes Stromnetz und ein leistungsfähiges Datennetz. Weiters muss das Computersystem des Herstellers für diese Datenflut gerüstet sein. Das wird noch etwas dauern.

Für das Auto ist und bleibt der Hersteller das ganze Autoleben lang der Schöpfer, der liebe Gott, der auf sein Schicksal Einfluss nehmen kann. Er ist der Einzige, der auf sein „Seelenleben“ Durchgriff hat. Und das unabhängig vom jeweiligen Auto-Besitzer. Der Kfz-Produzent – der „Schöpfer“ des Autos – kann etwa direkt die Lebensdauer seines Geschöpfes beeinflussen. Jene, die stets brav im Servicesystem des Herstellers verankert waren, die Pflege des Autos einem autorisierten Servicepartner anvertraut haben, haben bessere Chancen auf ein langes Autoleben als jene, die bei freien Werkstätten fremd gegangen sind.

Derzeit geht es darum, erschwingliche E-Modelle auf den Markt zu bringen. Luca de Meo, CEO der Renault Group, geht davon aus, die Preisparität zu Verbrennern durch Kooperationen mit Chip--Giganten bereits 2027 zu erreichen. Seine neuen „software defined vehicles“ (SVD) sollen den Kunden den Vorteil bringen, durch Softwareupdates sehr lange aktuell zu bleiben. Was auch dem Werterhalt der Gebrauchtwagen dient. Er verweist da auf Tesla, dessen Modelle bis ans Ende ihres Lebenszyklus dem konzerneigenen Aftermarket erhalten bleiben.

Die Frage ist, wie weit die Vertriebspartner im Agentursystem davon profitieren. Hier dürfen sich die Partner keiner falschen Hoffnung hingeben. Der Geist ist aus der Flasche. Tesla ist überall. Kein Hersteller wird auf irgendeinen Vertriebskanal verzichten, wenn es darum geht, Zusatzgeschäft – etwa im Gebrauchtwagenhandel – zu lukrieren.

 

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