Beginnen wir mit einem kleinen Selbsttest, für den Sie sich 3 Fragen stellen sollen:
Kennen Sie persönlich Menschen, von denen Sie sagen würden, Sie sollten - aus welchen Gründen auch immer - nicht (mehr) selbst Autofahren? Zweite Frage: Was würde passieren, wenn Sie diese(n) Person(en) mit dieser Ansicht konfrontieren? Und drittens: Wie alt sind diese Personen?
Sie erraten es, es geht wieder einmal darum, ob wir unseren Best Agern die Autoschlüssel quasi gewaltsam per EU-Dekret aus den Händen winden müssen, oder ob die unsichtbare Hand der Biologie, sprich: die Einsicht der Betroffenen, das von selber regelt.
Jetzt haben sich die zuständigen EU-Minister auf eine Variante geeinigt, der zufolge die Staaten ihren Führerscheinbesitzern über 70 alle fünf Jahre eine Selbsteinschätzung ihrer Fahrtüchtigkeit abverlangen können, wenn sie weder eine Befristung der Führerscheine noch eine Gesundheitsüberprüfung einführen wollen.
Der Vorschlag einer verpflichtenden „regelmäßigen Selbsteinschätzung“ ist meiner Ansicht nach revolutionär und auf viele Bereiche ausbaubar: Auf der Bank bekomme ich dann Kredit, wenn ich selbst davon überzeugt bin, ihn schon irgendwann zurückzahlen zu können. Für den gut dotierten Job im Vorstand des Milliardenkonzerns schätze ich mich selbst als top-qualifiziert ein. Und wenn mich der Herr Inspektor das nächste Mal fragt, ob ich selbst einschätze, ein bisschen zu schnell gefahren zu sein …
Das Fahrwasser, in dem die Debatte immer verläuft, ist ja hinlänglich bekannt: Streitpunkt ist „Mr. Magoo am Steuer“, der per Heckscheibenpickerl auf seine 100-jährige ÖAMTC-Mitgliedschaft verweist und im Verkehr reihenweise Beinahe-Katastrophen verursacht. Er behauptet aber, nicht von jeder Statistik widerlegt, er sei in Wahrheit der bessere Verkehrsteilnehmer - eben wegen seiner Erfahrung, und weil er im Bewusstsein gewisser altersbedingter Einschränkungen dort Vorsicht walten lässt, wo sich junge Verstappen-Nachahmer in ihren tieffliegenden Kisten von so etwas wie Verkehrsregeln in erster Linie herausgefordert fühlen.
Man sieht wieder einmal die Grenzen der faktenbasierten Debatte, Fragen bleiben offen. Braucht es in der Sache tatsächlich eine europaweite Vorschrift? Ist andererseits nicht jeder Verletzte, der auf den Lapsus eines fahruntüchtigen Lenkers zurückgeht, einer zuviel? Oder erlöst uns am Ende gar das autonome Fahren aus der Misere? Ich hätte allerdings so meine Zweifel, ob die mir bekannten „Mr. Magoos“ sich ohne Weiteres einem selbstfahrenden Robotaxi anvertrauen würden.
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