„Oliver Blume bekennt sich zu E-Fuels“ titelte vergangene Woche der Spiegel. „Neuer VW-Chef spricht sich für E-Fuels aus – Der ehemalige VW-Chef Herbert Diess hatte E-Fuels noch als ineffizient getadelt. Sein Nachfolger Oliver Blume zeigt sich nun deutlich aufgeschlossener“, ist im Handelsblatt zu lesen. Aus so manchen Headlines könnte (und sollte man wohl) interpretieren: Blume korrigiert den Diess-Kurs und setzt nun verstärkt auf E-Fuels. 

Dabei stammen die verkürzten Headlines zu den kurzen Artikeln aus einer Meldung der deutschen Presseagentur, in der das Interview von Blume mit der Automobilwoche zusammengefasst wurde.

Was ist wirklich passiert: Diess wurde nach einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung im Juli – verkürzt – als E-Fuels-Gegner abgestempelt. Er hatte gesagt: „Die Effizienz von E-Fuels ist aber nun mal extrem schlecht. Für die Herstellung braucht es viel Strom. Wenn 2030 einer für zehn Euro Strom tankt, um 500 Kilometer weit zu kommen, wird der E-Fuel-Fahrer 60 Euro ausgeben müssen. Das kann man sich für wenige Fahrzeuge vorstellen.“ Punkt.

Aber Diess sagte in demselben Interview auch: „Der Verbrenner-Ausstieg ist immer eine gesellschaftliche Entscheidung, keine der Hersteller. Wir können auf alle Szenarien und Geschwindigkeiten in der Welt sehr gut reagieren: Wir haben schon jetzt das breiteste Elektro-Portfolio weltweit und entwickeln noch einmal neue Verbrennermotoren. Unklar ist, wie sich Indien entwickelt und auch die USA, deshalb werden wir uns die Welt dahingehend in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts noch mal genauer anschauen.“ Diess hat in diesem Zusammenhang aber immer nur über den Neuwagen-Markt gesprochen.

Blume hingegen spricht schon als Porsche-Chef und nun auch im zitierten Interview mit der Automobilwoche den Fahrzeugpool an: „Angesichts des hohen Bestandes an Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren erfolgt der Hochlauf der Elektromobilität nicht schnell genug, um die Pariser Klimaziele zu erreichen. Daher sehen wir E-Fuels als sinnvolle Ergänzung zur Elektromobilität.“ Blume spricht also vom Bestand.

Blume hat seine E-Mobilitätsaufgaben bereits bestens und mit hoher Konsequenz auf Schiene gebracht, Porsche wird bereits 2030 zu 80% elektrisch sein. Der Unterschied zwischen Diess und Blume ist also nicht die Entwicklungs-Aufgabe, die ihnen der Konzern gibt. Der Unterschied ist der öffentliche Auftritt, die Kommunikation. 

Es glaubt wohl niemand, dass der Umbau des VW-Konzerns, die Entwicklung eigener E-Mobilitäts-Plattformen, der Umbau bestehender Fabriken sowie der Bau von 6 Batteriefabriken ein Alleingang von Herbert Diess gewesen ist. Und dass Oliver Blume das jetzt wieder absagt.

E-Fuels machen – sofern Sie schnell genug und preiswert verfügbar sind – Sinn für den Bestand, darüber hinaus sind sie – auch politisch gewollt – für Schiffs-, Flug- und teilweise den Lkw-Verkehr dringend notwendig. An der E-Auto-Entwicklung ändern sie nichts.

Warum das so wichtig ist? Weil es keine Trendwende, keinen Paradigmenwechsel gibt, der gerne hineininterpretiert wird; weder bei VW noch in der restlichen Automobilindustrie.

Diese Fehlinterpretation kann aber dazu führen, dass viele Händler nun einen Rückstand gegenüber transformationswilligen Kollegen aufreißen. Genauso wie die Autohersteller aus Fehleinschätzung und Überheblichkeit die Entwicklung bei Tesla ignoriert haben und nun – sowohl in der Technologie wie auch im Vertriebssystem – dem polarisierenden Visionär Elon Musk hinterher hetzen.

Kfz-Betriebe, die sich nicht jetzt auf die Herausforderungen der Elektromobilität vorbereiten, werden es doppelt schwer haben in den nächsten Jahren. Einmal gegenüber Autohäusern, die schon jetzt in dem Bereich aktiv und erfolgreich sind. Und zweitens gegenüber den Herstellern, die mit ihren neuen Agenturverträgen auf digital- und elektro-fitte Händler setzen. Auch die neuen Hersteller, die nach Europa kommen – und hoffentlich Händler und Werkstätten brauchen – setzen voll auf den E-Antrieb.

Know-How, Infrastruktur, Mitarbeiter, Kunden und nicht zuletzt der E-Fahrzeugbestand, der als nachgefragtes Gebrauchtwagenangebot wieder zurückkommt, werden fehlen, wenn die Transformation nicht rechtzeitig in Angriff genommen wird.