Das neue Mehr ist weniger – was für den Handel Konsequenzen haben dürfte: Auch im heimischen Handel rechnen namhafte Insider längerfristig bei vielen Marken mit einer Ausdünnung der Vertriebsnetze. Stützpunkte, die Hersteller vertriebstechnisch als wichtig erachteten, würden wohl gehalten werden, meint ein Händler: Die anderen werde man wohl still und leise aus den Netzen herausfallen lassen und den neuen Größenordnungen anpassen. „Ich denke, dass sich dieser Trend nicht nur in Österreich, sondern vermutlich in ganz Europa verstärken wird.“

Ständige Begleitmusik: Produktionsprobleme und steigende Preise, die zusammen mit einem ständigen politischen Gegenwind die für breite Massen leistbare Mobilität zunehmend unerreichbar machen.

Um den Gewinn nochmals zu steigern, scheint sich bei den – ohnehin von einem Umsatz- und Ertragsrekord zum nächsten eilenden – Autobauern der Trend durchzusetzen, eher hochpreisige, ertragsstärkere Modelle anstatt für die Allgemeinheit leistbarer Volumenfahrzeuge herzustellen: So wurde laut jüngster Mercedes-Benz-Quartalsbilanz der Konzernumsatz um 7 Prozent auf 36,4 Milliarden Euro (Q2 2021: 34,1 Mrd. Euro), das bereinigte EBIT gar um 8 Prozent auf 4,9 Milliarden Euro (Q2 2021: 4,6 Mrd. Euro) gesteigert. „Mit der Fokussierung auf Top-End Luxury-Fahrzeuge, batterieelektrische Fahrzeuge (BEV), Premium-Vans sowie auf eine konsequente Kostendisziplin konnten der Halbleiter-bedingte Absatzrückgang und die höheren Rohstoffkosten ausgeglichen werden“, erklärt der Konzern angesichts seiner Steigerungen.

Des einen Freud, des anderen Leid: Der Handel kämpft, obwohl es viel zu wenig Ware gibt. Das führt zu vielen frustrierten Kunden und teilweise gähnender Leere in den Schauräumen. Wo die Lagerplätze einst oft zum Bersten gefüllt waren, herrscht nun oft der Eindruck, es stünde das Ende der Marke bevor. Der fehlende Neuwagendurchsatz lässt darüber hinaus auch das Gebrauchtwagengeschäft stocken.

Heimische Händler rechnen für 2022 mit einem weiteren deutlichen Rückgang der Pkw-Neuzulassungen und berichten auch von extrem zurückhaltendem Kundenverhalten:

Mittlerweile gebe es bei vielen Kunden wieder eine starke Verunsicherung, hört man aus der Branche, all das ist durch nicht enden wollende Negativmeldungen bedingt. Die Menschen sind durch die laufenden Lebenshaltungskosten stark belastet, der Kauf eines neuen Autos samt Finanzierung scheint derzeit nicht oberste Priorität zu haben. Von „normalen“ Autojahren kann weder heuer und wohl auch nicht 2023 die Rede sein.

Was das für den Handel bedeutet?

Viele – vor allem kleinere – Händler werden, um zu bestehen, Zukunftsstrategien für den wirtschaftlichen Weiterbetrieb entwickeln müssen: Sei es, mittels eines Markenwechsels ein neues Geschäftsfeld zu eröffnen, einen Teil der Immobilie anders zu nutzen oder sich ausschließlich mit einem (freien) Reparaturbetrieb auf den Kundendienst zu konzentrieren. Die Voraussetzungen dafür wären gegeben: stetig steigende Bestandszahlen und längere Behaltedauer. Wenn E-Fahrzeuge für viele Autofahrer aufgrund ihrer hohen Preise unerschwinglich, Neuwagen rar und ihr Vertrieb finanziell unattraktiv bleiben, werden immer mehr ältere Fahrzeuge künftig wohl noch deutlich länger auf heimischen Straßen unterwegs sein.

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