Es war Mitte Juni in Wien, als Herbert Diess eine Rede im Arkadenhof des Wiener Rathauses hielt. Dass es seine letzte in Österreich sein sollte, war nicht vorauszusehen. Viel war darin von den Erfolgen des Konzerns bei der Elektrifizierung die Rede, Punkt für Punkt wurden die einzelnen Werke und Modelle aufgezählt. Auch in der anschließenden Diskussion hielt sich Diess wacker. So wacker, sodass sich sogar Ministerin Leonore Gewessler ausdrücklich bei Diess für seinen Einsatz für die Elektromobilität bedankte.

Doch der Funke wollte nach Diess‘ Auftritt nicht so recht aufs Publikum überspringen. Zu beliebig, meinten viele, seien seine Worte gewesen, vermutlich dutzend-, wenn nicht gar hundertfach bei ähnlichen Anlässen wiederholt.

Und auf die Probleme des Konzerns ging Diess – wenn überhaupt – nur ganz am Rande ein: Die anhaltenden Software-Fehler, die – wie wir von Nutzern wissen – manchem einst begeisterten Fahrer eines ID.3 die Lust am Auto vergällen, waren nicht wirklich ein Thema. Die massiven Lieferprobleme, die den Händlern auch in Österreich massive Sorgen bereiten, ebenso nicht. Und dass sich Diess in den vergangenen Jahren immer wieder mit dem mächtigen Betriebsrat angelegt hatte, ehrt den Manager zwar: Doch in Wolfsburg sollte man das tunlichst vermeiden.

Als „angezählt“, wie man das in der Welt der Boxer sagt, galt Diess schon länger – zumal er auch den Konflikt mit dem Aufsichtsrat nicht wirklich gescheut hatte. Dass eben dieser Aufsichtsrat mit den mächtigen Familien Porsche und Piëch daher am späten Nachmittag des 22. Juli Oliver Blume anstelle von Diess zum neuen Vorstandsvorsitzenden des Konzerns ernannte, war zwar für Außenstehende überraschend, für Insider jedoch weniger.

Denn Oliver Blume ist nicht nur ein hervorragender Manager, was er bei der Transformation von Porsche in den vergangenen sieben Jahren bewiesen hat, sondern auch etwas, das Diess nie wirklich war: ein Teamplayer. Einer, der das Zeug hat, den großen Karren in Wolfsburg flotter voranzubekommen, weil er auch die Meinung anderer hört und sie daher mit ins Boot holt.

Dass Herbert Diess in den vergangenen Jahren gute Vorarbeit im Mega-Vorhaben der Umstrukturierung des Konzerns geleistet hat, ist unbestritten: Was er nach dem 1. September tun wird, ist hingegen noch nicht ganz klar. Der Vertrag mit Diess läuft dem Vernehmen nach bis 2025 weiter, aber eben nicht in der absoluten Chefposition. Ein fliegender Wechsel zu Tesla wird daher wohl nicht möglich sein: Denn auch die unverhohlene Sympathie, die Diess immer wieder für Elon Musk (und dessen Business) zur Schau gestellt hatte, war eine der Ursachen, die den Vorstandsvorsitzenden mit österreichischem Pass letztlich zu Fall brachte.

Diesen Fehler wird Blume sicher ebenso vermeiden wie andere, die Diess begangen hat. Es ist dem Konzern zu wünschen, dass man die Probleme mit der Software, den Lieferproblemen und der ausschließlichen Konzentration auf Elektroautos rasch in den Griff bekommt. Denn die Konkurrenz schläft nicht.

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