Ich habe einen alten Freund, der betreibt eine Werkstatt in Wien. Er ist ein sehr talentierter Schrauber, doch was er noch besser kann, ist Raunzen: „Wo soll das alles noch hinführen, Roland?“ „Das mit dem Auto ist bald vorbei, wirst sehen.“ „Es möchte ja keiner mehr was zahlen!“, das ließe sich ewig weiterführen, und schon in den Nuller-Jahren beschwörte er das Ende der Freien Werkstätten herauf, ohne dass er jemals seinen Betrieb hätte zusperren müssen. Ich habe ihn trotzdem immer noch gern, doch zugegebenermaßen könnten seine Prognosen in den nächsten Jahren tatsächlich realer werden – oder etwa doch nicht?

Natürlich kann man Elektroautos nicht mehr so einfach reparieren wie den guten alten Turbodiesel. Doch genau hier steckt die große Chance für markenfreie Betriebe: Alle Stromer haben überdurchschnittlich viel Gewicht. Das lässt Reifen, Bremsen und Fahrwerksbuchsen natürlich wie im Zeitraffer altern, was im Umkehrschluss bedeutet: Man braucht keine Spezialwerkzeuge mehr für Glühkerzen, Einspritzdüsen oder Turbolader. Oder Ölauffangbehälter und andere grausliche Dinge, die alles furchtbar dreckig machen. Worauf es ankommt, sind solide Reifenmontier- und Wuchtmaschinen, Hebebühnen und gute Pressen – die absolute Basisbestückung jeder gut eingerichteten Werkstatt.

Wer im neuen Spiel der Mobilität aber die besten Karten haben möchte, muss sich nun um die richtigen Kunden bemühen: den Fuhrparkbetreiber. Mehr als 65 Prozent der Neuanmeldungen sind heute schon Firmenwagen, Tendenz rapide steigend. Solche Flotten zu betreuen, kann also äußerst lukrativ sein, nur braucht es hohe Flexibilität und eine schnelle Terminvergabe, denn Zeit zum Raunzen hat man in diesem Business nicht. Hier müssen die Räder rollen.

Das alles mag an der Schrauberehre kratzen und natürlich könnte man es sich dadurch mit dem ein oder anderen Stammkunden verscherzen, der routinemäßig zum Öl- und Innenraumfilterwechsel kommt. Reich wird man mit denen aber nicht, und mehr noch: Hier könnte es in wenigen Jahren um das Überleben einer ganzen Branche gehen. Zeit also, in die Hände zu spucken – bevor es zu spät ist.

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