Seit Monaten arbeitet die EU an einem „Verkehrssicherheitspaket“, mit dem die national völlig unterschiedliche Kfz-Begutachung vereinheitlicht werden soll. Eine Abkehr von der Fahrzeugkontrolle im Autohaus stand bisher nicht zur Debatte. Im Gegenteil: Die deutsche Gewerbevereinigung ZDK nimmt sich die österreichische Regelung explizit zum Vorbild und fordert eine „Meister-HU“. Diese Änderung würde für TÜV, Dekra & Co freilich einen massiven Verdienstentgang bedeuten: Kein Wunder, dass diese Organisationen nun in die Gegenoffensive gehen.

 

Den Anfang machte Bernhard Kerscher, Geschäftsführer der (mit einer Tochterfirma auch in Östereich vertretenen) TÜV Süd Autoservice GmbH. In einem Interview mit der „Automobilwoche“ fuhr er schwere rhetorische Geschütze gegen das österreichische Pickerl-System auf: „Wir wissen da nicht, ob der Stempel nur geklebt oder auch wirklich geprüft wird. Was uns schockt ist, dass die Anzahl der Verkehrstoten pro einer Million Einwohner in Österreich um ein Drittel höher ist als in Deutschland, und das führen wir u. a. auf diese Form der Fahrzeugüberprüfung zurück.“

 

So obskur diese Argumentation anmuten mag: Unterstützung bekommt Kerscher vom CDU-Europaabgeordneten Werner Kuhn. Der für die Kfz-Begutachtung zuständige Berichterstatter des Europaparlaments fordert, dass Prüfer und Werkstätten künftig verpflichtend voneinander getrennt sein müssen. Das würde einem Verbot des bisherigen österreichischen Systems gleichkommen.

 

„Es wäre fatal, ein seit 41 Jahren bestens funktionierendes System aufgrund des Gewinnstrebens einzelner Organisationen zu zerstören“, erwidert Komm.-Rat Friedrich Nagl, Bundesinnungsmeister der österreichischen Kfz-Techniker. Er widerlegt die Angriffe von TÜV-Chef Kerscher mit dem Verweis darauf, dass die Zahl der Unfallopfer in Österreich trotz des vermeintlich „gefährlicheren“ Pickerl-Systems sinkt, während sie in Deutschland steigt. „Abgesehen davon bin ich erschüttert über den völligen Mangel an Ethik, wenn aus wirtschaftlichem Eigeninteresse mit Verkehrstoten und dem damit verbundenen menschlichen Leid argumentiert wird“, so Nagl. Auf den Vorstoß von EU-Politiker Kuhn antwortet er mit dem Hinweis darauf, dass in Österreich „Ausbildung und Qualitätssicherung den höchstmöglichen Standard der Überprüfungen gewährleisten würden“: Das kann man vom deutschen System nicht immer behaupten, wie jüngste Skandale um massenhaft verkaufte „Gefälligkeits-Prüfplaketten“ bewiesen haben.

 

Der Leserbrief von Friedrich Nagl an die „Automobilwoche“ ist anbei im Volltext abrufbar.