A&W: Audi-Vorstandsvorsitzender Gernot Döllner hat vergangenes Jahr in Mailand bei einem bemerkenswerten Auftritt gemeint, Audi habe seinen Weg verloren. Wie lange wird es denn dauern, bis Audi seinen Weg wiederfindet?

Marco Schubert: Ich glaube, dass wir auf einem guten Weg sind: Wir hatten eine Zeit mit weniger neuen Produktangeboten. Das haben wir in den vergangenen zwei Jahren sukzessive geändert, das hilft in unserer Positionierung als Marke. In Mailand haben wir mit dem Audi Concept C eindrucksvoll gezeigt, wohin der Weg geht, im Exterieur und auch im Interieur. Das Auto wird 2027 in einer ganz ähnlichen Form als Serienfahrzeug auf den Markt kommen.

Wie viel Zeit geben Sie sich, bis wirklich wieder ein Dreikampf der Premiummarken stattfindet?

Schubert: Ich würde nicht sagen, dass heute kein Dreikampf stattfindet. Wenn wir beispielsweise nach Europa schauen, ist Audi da die Nummer zwei unter den Kernwettbewerbern, in China sogar die Nummer eins. Die Autos werden gemeinsam mit den Joint-Venture-Partnern dort lokal gebaut. Es gibt auch andere Märkte wie Österreich, in denen wir positiv unterwegs sind, gut ins Jahr gestartet sind und einen sehr guten Marktanteil haben. Es gab auch Zeiten, in denen Audi ganz klar die Nummer eins in Europa war. Mit dem Produktangebot, das wir jetzt haben, können wir sukzessive weiter aufschließen.

Die traditionelle Aussage „Vorsprung durch Technik“ war in den vergangenen Jahren nicht immer passend: Wie viel Überzeugungsarbeit muss man denn leisten, damit man die Kunden wieder davon überzeugen kann, dass Audi wirklich Technologieführer ist?

Schubert: Unser Markenclaim „Vorsprung durch Technik“ ist eine Positionierung, die uns motiviert, weiterhin den Anspruch zu haben, Vorsprung zu leben. Von der Design- und Produktsprache ist das mit dem Concept C die erste Interpretation, wie „Vorsprung durch Technik“ in Zukunft aussehen wird.

Wie wichtig ist Österreich jetzt als Vorzeigemarkt für Audi in Europa?

Schubert: Für uns ist Österreich ein sehr wichtiger Markt, auch vor dem Hintergrund, dass wir sehen, dass Österreich einen sehr hohen Marktanteil im weltweiten Kontext hat. Das ist sowohl ein Verdienst der Großhandelsebene, also der Porsche Holding in Salzburg, kurz PHS, als auch unserer Retail-Ebene. Die PHS ist für uns bedeutend in Deutschland und in anderen Märkten, also global, unterwegs. Ich sitze zum Beispiel mit im Aufsichtsrat der PHS: Das ist insofern gut, weil ich deswegen weiß, was auf der Retail--Seite passiert und wie es unserem Handel geht.

Audi hat in Österreich auch fünfmal in Folge den „Händlerradar“ in Österreich gewonnen, den wir in unserem Verlag machen, hatte also immer die zufriedensten Händler und Servicepartner.

Schubert: Das merkt man auch, ich bin auch privat viel in Österreich. Meine Frau kommt aus Österreich, meine Familie lebt also dort, da kriege ich natürlich viel mit. Dadurch habe ich auch zu den Händlern einen relativ engen Bezug. Es freut mich zu hören, dass die Händler zufrieden sind, das spricht aus Sicht des Importeurs für eine gute Orchestrierung.

Der Markt in den USA ist durch die Zölle sehr schwierig geworden. Was sind Ihre Pläne? Wird sich der Aufbau einer eigenen Fertigung in den USA auszahlen?

Schubert: Der Markt ist der Marke Audi positiv gesonnen. Die aktuellen geopolitischen Rahmenbedingungen erschweren die Situation: Auf Importe aus Europa haben wir 15 Prozent Zölle. Unser Audi Q5 wird in Mexiko gebaut, dort liegen die Zölle bei 27,5 Prozent. Wir sind weiterhin dabei, das zu bewerten. Fest steht: Wir wollen stärker lokalisieren, um auch langfristig in den USA zu wachsen. Doch das ist eine strategische Entscheidung, für die wir stabile und verlässliche Rahmenbedingungen benötigen.

Werden die Audis ohne die vier Ringe, die in China debütiert haben, auch nach Europa kommen?

Schubert: Nein. Es ist auch nicht angedacht, dass wir diese Plattform nach Europa bringen. Sie wurde speziell mit unserem Joint-Venture-Partner im Süden, also in Shanghai mit der SAIC entwickelt. Diese Plattform ist rein für den chinesischen Markt.

Was kann man denn von dem Projekt China für den Rest der Welt lernen?

Schubert: Es ist vor allem das Tempo, also die Entwicklungszyklen. In Europa dauert die Fahrzeug-entwicklung derzeit noch länger. Das hängt auch an Faktoren wie Sicherheitsstandards, die wir hier haben. Die Homologationskriterien sind in Europa anders als in China. Hinzu kommt das Thema Digitalisierung: Vor allem die junge Generation hat die Erwartungshaltung, dass ein Auto wie ein Handy funktioniert.

Apropos Vertrieb: Ist der Agenturvertrieb, der bei den deutschen Mitbewerbern im Premiumbereich in Österreich geübte Sache ist, ein Thema für Sie?

Schubert: Es gab für Europa das Projekt der sogenannten unechten Agentur für die vollelektrischen Fahrzeuge. Wir sind heute bereits im Flottengeschäft in Europa mit der Agentur unterwegs. Das heißt, dass wir einen Großteil unseres europäischen Volumens schon jetzt über die Agentur verkaufen, analog wie es auch unsere Wettbewerber tun. Wir haben das Ganze weiterhin im Auge, haben aber letztes Jahr erfolgreich den Privatkunden-Vertrieb von Elektrofahrzeugen zurück ins Einzelhandelsgeschäft geführt.

Welche Modelle kommen heuer auf den Markt?

Schubert: Dieses Jahr haben wir den Audi RS5, also ein hochemotionales Produkt. Da sind wir mit einem Sechs-Zylinder-Hybrid unterwegs und haben bisher auch schon ein sehr positives Feedback bekommen. Von den Fahreigenschaften des Fahrzeugs her sind wir ebenfalls gut unterwegs. Auch der Audi Q9 wird dieses Jahr noch kommen. Mitte des Jahres werden wir den Audi Q4 e-tron mit einem Facelift aufwerten. Dann kommt Ende des Jahres noch der Audi A2 e-tron als vollelektrisches Einstiegsfahrzeug für die auslaufenden Modelle für A1 und Q2.

Wie lange kann man sich eine Fertigung in -Europa noch leisten, wo die Personalkosten und die Energiekosten durch die Decke gehen?

Schubert: Es hängt viel von den Rahmenbedingungen ab. Bis 2029 wollen wir rund acht Milliarden Euro in die deutschen Standorte investieren. Das zeigt: Wir glauben an den Standort und dass es richtig ist, hier unterwegs zu sein. Wir haben viele Vorteile, die andere Regionen nicht haben. Aber der Wettbewerb ist natürlich intensiver geworden. Damit müssen wir uns stark auseinandersetzen und gegensteuern. Wir reduzieren schrittweise und sozialverträglich bis 2029 bis zu 7.500 Stellen an den deutschen Standorten, gleichzeitig geben wir eine Beschäftigungssicherung bis 2033.