Wenn man das Grundstück der EV-Clinic in der kroatischen Hauptstadt Zagreb betritt, geht man nicht sofort davon aus, dass hier eine der wohl innovativsten Werkstätten Europas zu Hause ist. Wie der Name bereits zeigt, handelt es sich bei dem Unternehmen von Vanja Katic um eine Werkstatt für E-Fahrzeuge. Letzteres merkt man hingegen sofort, denn auf dem Hof stehen reihenweise E-Autos der älteren und jüngeren Vergangenheit. Von Renault Twizy und Zoe über eine ganze Reihe verschiedener Tesla bis hin zu chinesischen Fahrzeugen, die in Europa vermutlich nur die wenigsten kennen.
Wenn man die Werkstatt betritt, zeigt sich ein vertrautes Bild: vier Hebebühnen, Mechaniker, die an Autos arbeiten und Vanja Katic, der gerade mit einem seiner Mitarbeiter an einer Tesla-Batterie arbeitet. Und genau hier ist bereits einer der Kernpunkte der EV-Clinic zu sehen. Katic und sein Team schrecken nicht davor zurück, auch ganze Batteriepacks auszubauen, zu warten und teilweise sogar zu verbessern.
Katic, der bereits im zarten Alter von 15 Jahren damit begonnen hat Elektronikplatinen zu reparieren und danach eine Schule für Robotik und Automatisierung besucht hat, ist der Mastermind hinter dem Unternehmen. Dabei hat er wie jeder Mechaniker bei Verbrenner-Autos angefangen. „Ich habe das eigentlich nur als Hobby gemacht und wollte einem befreundeten Mechaniker helfen, verschiedene Autos mit diversen Problemen zu starten und zu reparieren.“ Nach einiger Zeit merkte Katic, dass Verbrenner für ihn nicht nachhaltig sind und er seine Zeit lieber in E-Fahrzeuge stecken möchte. „Also habe ich all mein Geld investiert und mir einen Tesla gekauft.“ Reverse Engineering in reinster Form könnte man das nennen, was darauf folgte: Katic begann das Auto auseinanderzunehmen und zu verstehen, wie welcher Bauteil funktioniert und in weiterer Folge auch, wie man ihn reparieren kann. „Ich habe gemerkt, dass es keinerlei Informationen gab, keine Werkzeuge, keine Diagnosegeräte. Das hat mir gezeigt, dass es hier ein großes Vakuum am Markt gibt.“
Kein Interesse an Nachhaltigkeit
Katic wechselte an seinem Tesla so ziemlich jedes elektronische Bauteil, welches man nur wechseln konnte. Vom Hochspannungskompressor über die Elektronik bis hin zu den Chips und Platinen. Mit diesem Know-how im Gepäck machte sich Katic auf die Suche nach weiteren E-Fahrzeugen.
Schnell bemerkte er, dass die Hersteller offenbar kein Interesse daran hatten, dass Fahrzeuge repariert werden. Belegen kann er das mit seiner „Mappe der Schande“. Das ist eine rote Mappe, in der er Rechnungen und Kostenvoranschläge sammelt, die seine Kunden von Herstellern bekamen. „Anstatt eine Batterie um ein paar hundert Euro zu reparieren, veranschlagen manche Hersteller 12.000, 20.000, 30.000 Euro, um das Batteriepack komplett zu tauschen. Das ist nicht nachhaltig“, erzählt Katic, während er durch die Mappe blättert. Dieses Desinteresse an der Nachhaltigkeit war die Initialzündung für die EV Clinic. „Ich wollte zeigen, dass man E-Fahrzeuge reparieren und damit länger auf der Straße halten kann, ohne tausende Euro auszugeben“, so der EV-Clinic-Gründer.
Anecken mit Plan und Ziel
Katic entwickelte unter anderem ein Starter-Tool für Tesla, die damit trotz leerer Batterie oder Fehler in der -Akku-Elektronik zumindest auf einen Transporter gebracht werden können. Ein Tool, welches in Kroatien und anderen Ländern bereits von Pannendiensten genutzt wird. In all den Jahren der Forschung und Arbeit an den Autos sah Katic entsprechend oft auch Dinge, die ihm die Sprache verschlagen. Gegen ein ganz bestimmtes Fahrzeug gibt es auf seinem Hof sogar ein Embargo, wie er es selbst nennt: „Dieses Auto kommt mir nicht auf den Hof, denn daran kann man nichts reparieren. Das wurde so schlecht gebaut, dass man als Werkstatt nur verlieren kann.“
Gegen alle anderen Fahrzeuge wehrt er sich nicht und die Kunden aus ganz Europa danken es ihm, denn die Tesla und Zoe auf seinem Hof haben Kennzeichen aus Bosnien, Österreich, Deutschland und sogar aus Schweden. Mit den vielen haarsträubenden Dingen, die er tagtäglich in den Autos findet, geht Katic übrigens sehr offen um. Auf dem LinkedIn-Profil des Unternehmens liest man häufig Frontalangriffe gegen OEMs, die aber nie böse gemeint sind: „Ich sage, was ich mir denke. Wenn etwas an einem Auto eine Katastrophe ist, dann sag‘ ich das auch. Aber die OEMs meiden mich deswegen nicht“, erzählt Katic, der immer wieder von Entwicklern verschiedener Firmen angerufen wird, weil diese mit ihm über das fehlerhafte Bauteil reden wollen. „So komme ich zu neuen Infos und die Entwickler können von meinem Know-how profitieren.“
EV-Clinic bald auch in Österreich?
Das Geschäft in Zagreb läuft gut und die Kunden stehen Schlange. Ein Grund für Katic, mit der EV-Clinic zu expandieren. Österreich steht auf dem Plan, aber die Umsetzung ist schwierig: „Die Behörden in Österreich machen einem das Leben wirklich nicht leicht.“ Aus diesem Grund wird ein Ableger der EV-Clinic zunächst in Deutschland starten. Dies will er als Franchise-System umsetzen. Interessenten können sich bei Katic oder Marko Popovic, dem COO des Unternehmens und zuständig für Marketing und Franchise, melden. Danach gibt es ein Training für die Mitarbeiter: „Die Menschen sollen die Autos am Ende genauso gut kennen wie ich.“
Ein erster Schritt für diese Trainings ist bereits getan. Gemeinsam mit dem österreichischen Unternehmen Evalus bietet die EV-Clinic künftig Hochvolt-Schulungen an. Allerdings nicht im klassischen Sinne, sondern vor allem auf das Thema Mitarbeitersicherheit. „Damit wollen wir den Grundstein für eine Expansion legen“, erklärt Popovic.
Wann es in Österreich so weit sein wird, ist noch unklar, aber sowohl Katic als auch Popovic lassen wissen, dass man sich nach Partnern am österreichischen Markt umsieht.