Nächste Woche ist Showdown in der Autobranche. Am Montag startet die IAA in München mit dem Pressetag, am Dienstag findet der World EV Day statt und am Freitag will sich EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mit der Autobranche treffen, um über Emissionsziele zu sprechen. Danach wissen wir vermutlich mehr darüber, wie sich die Branche in den nächsten Jahren entwickeln wird oder soll.
So werden wir in München sehen, wie sich die europäischen Hersteller einerseits und die chinesischen Konzerne andererseits präsentieren. Vermutlich werden wir überrascht sein.
Und die EU muss sich nun bald entscheiden, ob sie den konservativen Stimmen nachgibt, die noch ein paar Jahre mit dem Verbrenner Geld verdienen (und Arbeitsplätze erhalten) wollen oder ob sie auf die Zukunft setzt und die (schmerzhafte) Transformation vorantreibt.
Zuletzt haben sich sowohl in (Teilen) der Politik sowie bei Aktionären und Aufsichtsräten offenbar jene durchgesetzt, die am Status quo noch länger festhalten wollen und mit der bestehenden Technologie die – unausweichliche, aber schmerzhafte – Transformation hinauszögern wollen. Doch was passiert dann? Schließen wir, wenn der Verbrenner-Pkw endgültig tot ist, in zehn Jahren den Automobil-Standort Europa komplett! Der Weg in die Zukunft wird bedauerlicherweise viele Arbeitsplätze kosten, aber er wird – wenn man es richtig tut – auch viele neue bringen. Nichts zu tun, wird hingegen die ganze Industrie zerstören.
China als Waterloo
Der chinesische Markt ist bekanntlich gerade ein Waterloo für die europäischen, also eigentlich für die deutschen Autohersteller. Die letzte Rettung ist die konsequente Entwicklung und Produktion vor Ort, oder – Beispiel Audi – gleich die Nutzung bestehender Plattformen aus China. Die Wertschöpfung in Europa geht damit auf ein Minimum zurück.
Mit den Problemen in den USA bleibt also von den hochentwickelten Märkten – wo europäische Qualität und Performance gefragt sind – nur mehr Europa selbst als Stückzahl-relevanter Markt.
Geht es nach dem Wunsch vieler Lobbyisten und Kurzfristig-Denkender, soll nun diese neue Stückzahl-Wahrheit noch länger in verschiedene Antriebe aufgesplittet werden, um das Märchen der Technologieoffenheit weiter erzählen zu können. Aber da spielt der Markt nicht mit. Glaubt wirklich jemand, dass in Europa 2035 noch eine relevante Zahl an Pkw mit Verbrennungsmotor verkauft wird?
Man muss kein Zukunftsforscher, keine Automobil-Insider und auch kein Grüner sein, um zu wissen, dass die Elektromobilität im Pkw die Zukunft ist, die sich nun immer rascher durchsetzen wird. Ob das gut ist, welche Rolle die chinesische und die europäische Politik gespielt hat, kann man gerne diskutieren. Aber dass die Vorteile in beeindruckender Geschwindigkeit größer werden und immer mehr Kunden überzeugen, ist Fakt.
Rasche Transformation
Überleben kann die europäische Autoindustrie nur, wenn sie sich möglichst rasch und konsequent auf die Elektromobilität konzentriert, den Rückstand zu den chinesischen Anbietern zumindest nicht noch größer werden lässt und entsprechende Skalierung schafft. Die Erzählung von Lobbyisten und (Teilen) der Politik, dass die Emissions-Vorgaben (fälschlicherweise als Verbrenner-Aus bezeichnet) schuld an den Problemen der europäischen Automobilindustrie seien, ist falsch und billig. Es hat viele Gründe, aber zu lösen sind sie nur mit der Wettbewerbsfähigkeit bei den neuen Technologien und nicht mit dem Festhalten an alten. Dass dazu auch die Rahmenbedingungen beim Standort gehören, muss an dieser Stelle ebenfalls erwähnt werden. Und man muss die so wichtige Zulieferindustrie mitnehmen.
Um den Anschluss nicht (weiter) zu verlieren, ist mehr Tempo in der Entwicklung und Skalierung nötig. Die nicht zufällig genau jetzt vorgestellten Studien zur Automobilindustrie zeichnen einen deutlichen Rückstand bei Akkus und Software. Dabei braucht es beispielsweise eine deutliche Verbesserung in der Entwicklungsgeschwindigkeit – derzeit benötigt Deutschland zirka 4 Jahre für die Entwicklung eines neuen Fahrzeuges, China braucht etwa 2 – und es braucht Kompetenz und eigene Produktion bei den Antriebsbatterien.
Langfristiger Erfolg ist nur möglich, wenn man aktiv in die Zukunft geht – nicht, wenn man in der Vergangenheit stehen bleibt.
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