Mit dem Erfolg ist das so eine Sache. Das aktuelle Jahr kann man für die Elektromobilität definitiv als solches verbuchen. Unglaubliche Zuwächse bei den Zulassungszahlen, eine starke Verbreitung vor allem bei den Firmen- und Flottenkunden – und dennoch muss gesagt werden, dass hinter dieser scheinbaren Durchsetzung ein gewaltiger Kraftakt steckt. Förderungen in phänomenaler Höhe sind einfach zu verlockend, und wie wir seit der Eva und ihrem Apfel wissen, lauern hinter diesen Dingen oftmals kleine und fiese Schlangen. Und eine solche könnte der Strom-Bewegung zumindest unangenehm ins Wadl beißen.
Abgesehen von der dezenten Wettbewerbsverzerrung durch die staatlichen Zuschüsse: Seit einigen Wochen merkt man immer deutlicher, wie sehr die Infrastruktur dem Zuwachs an E-Mobilen auf der Straße hinterherhinkt. Öffentliche Ladepunkte sind fast durchgehend belegt. Hängt ein Wagen am Schnelllader, sind die daneben befindlichen Säulen meist völlig kraftlos. In vielen Städten nutzen E-Fahrer Ladestellen schamlos als Gratisparkplätze, und bei manchen setzt sich die erste Ernüchterung ein, dass man bei Weitem nicht so weit kommt, wie die Reichweitenanzeige nach einer Vollladung verspricht.
Natürlich sind das alles Kleinigkeiten. In Summe aber ergibt das einen gefährlichen Mix an Missständen, der vor allem einem schaden könnte: der E-Mobilität selbst. Das kann das Image ganz leicht ruinieren, was in einer Phase, wo sowohl Befürworter als auch Gegner das Thema viel zu emotional angehen, nur zu einer Verhärtung der Fronten führen würde. Die einen wollen die Stromer unbedingt siegen sehen. Die anderen unbedingt stürzen. Zeit also, ein wenig Dampf aus der Sache zu nehmen.
Lasst uns erst einmal lieber den Status Quo vernünftig herstellen. Schauen, dass alle derzeit vorhandenen Ladesäulen wirklich vernünftig arbeiten. Dass man schnell und unbürokratisch Wallboxen montieren darf. Dass diese dann auch über ausreichend Strom verfügen. Dass die Verbrauchsangaben realistisch sind, nicht wie bei den Dieseln von vor zehn Jahren, über die so gerne gemeckert wird. Und überhaupt: dass es genügend umweltfreundlich hergestellten Strom gibt, was in Anbetracht der derzeitigen Entwicklung noch weiter entfernt ist als man es im grünen Österreich vermuten würde. In Deutschland haben heuer Kohlekraftwerke als wichtigste Energiequelle die Windparks wieder überholt. Das mag am Wetter liegen oder auch am wieder steigenden Energiebedarf der Industrie nach dem Pandemie-Jahr – an der grundsätzlichen Tatsache ändert das aber nichts. Und es gibt einen Vorblick auf die Zeit, wenn noch mehr E-Mobile unsere Straßen bevölkern, sollte dies zu rasch passieren.
Bekommt man das alles nicht in den Griff, wird die neue Antriebsform nie dem Ruf gerecht, der in den vergangenen Monaten konsequent von Industrie und vor allem Politik aufgebaut wurde. Und diesen hochtoxischen Apfel möchte dann im Endeffekt niemand mehr pflücken.
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