Können wir mal bitteschön einen Moment lang die Luft anhalten? Gewiss, es gibt Grenzen, die man nicht überschreiten sollte. Stellantis treibt, geschockt vom Peugeot-Büchl-Urteil, das Agenturmodell voran. Daimler macht es inhaltlich nicht anders, nur nobler im Dialog. Weitere Markenkonzerne werden vermutlich diesem Vermarktungsmodell bald folgen.
Die Hersteller haben begonnen, die Grenzen immer enger zu ziehen. Zur Zielscheibe werden heute vielfach diejenigen, die mit ihren Meinungen vom Herstellerdiktat abweichen und sich partnerschaftlich auseinandersetzen wollen. Das Spiel der neuen Kräfte um die Vorherrschaft in der Mobilitätsgestaltung hat begonnen. Wer im Markenauto-Business keinen Plan B zur momentanen Vertriebskultur hat, läuft rasch Gefahr zu verlieren.
Eines zeigt sich schon jetzt zu Beginn der „stellantischen“ Disziplinierungsmaßnahmen innerhalb der bislang eigenständigen Vertriebsnetze: Allein werden auch die Riesen unter den Autohändlern nur kleine Sprünge machen können. Jetzt warten mal alle Betroffenen ab, haben sie ja noch knapp 2 Jahre Zeit, sich zu entscheiden, um dann allenfalls mit einem Plan B aufzutrumpfen. Auch die Konzerne werden ihre Grenzen aufgezeigt bekommen.
Es werden sich neue Markenhäuser konstellieren, wo man bislang denkt, das wäre unmöglich. Nutzfahrzeuge von Peugeot, Fiat oder Opel könnten plötzlich unter dem Dachnamen Stellantis im Markt aufschlagen. Das offiziell 2.800 Standorte starke Handels- und Servicenetz aller Marken in Österreich wird sich vermutlich um rund 1.000 Stützpunkte reduzieren.
Da ist im Agenturmodell bei den addierten 860 gekündigten Stellantis-Betrieben Optimierungspotenzial vorhanden. Stadt Salzburg zum Beispiel: Auf der einen Straßenseite fällt nach Jahrzehnten der Blitz von der Hauswand, um vis-à-vis im Fiat-Standort neu einzuschlagen. Noch ist das alles eine Spekulation.
Erste Auswirkungen in der Zulassungsstatistik werden noch vor Ablauf der zweijährigen Kündigungsfrist manchen Eurostrategen zur Räson und folglich zu Zugeständnissen zwingen. Zunächst wird ein Ringelspiel in Gang gesetzt, um die aktuellen Vertriebspartner schwindelig zu drehen.
Da passt Hermann Leopoldis Volksliedtext, um das Treiben rund um die Realisierung des Stellantis-Agenturvermarktungssystems zu skizzieren:
„Treten S’ ein, nur herein, größter Jux für Groß und Klein! Jeder Schimmel neu lackiert, Werkel frisch geschmiert! Eine Fuhr, eine Tour kostet zwanzig Groschen nur, eine Reise voller Spaß, ohne Reisepass! Jeder hutscht sich, wie er kann, vorwärts, geh’n wir ’s an!“, singt sich das Importeursteam in Wien-Aspern in Form.
Ob die betroffenen Händler an dieser Unterhaltungform ihren Spaß haben, bleibt abzuwarten: „Schön ist so ein Ringelspiel! Das is a Hetz und kost net viel. Damit auch der kleine Mann sich eine Freude leisten kann. Immer wieder fährt man weg und draht sich doch am selben Fleck. Man kann sagen, was man will, schön ist so ein Ringelspiel!“
Doch im automobilen Tivoli drehen auch andere ihr Ringelspiel, und die wiederum können neue Perspektiven schaffen. Wir kennen viele Namen mit einem Plan B, sie jetzt schon zu nennen, wäre kontraproduktiv. Schließlich hält sich der französische Markenriese mit seinen Details ja auch bis zuletzt bedeckt.
Stellantis muss bedingt durch das Büchl-Urteil zunächst ihren Schaden begrenzen. Denn viele Händler, die nun ihre Vertragsgrundlage zu verlieren drohen, werden ihre Ansprüche ebenso rigoros durchsetzen wollen.
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