Zunächst verkauft Carlos Tavares das Opel-Familiensilber. Ist die Lage des „deutschen“ Autoherstellers schon so verzweifelt, dass er die Axt an seine Wurzeln legen muss? Der Konzern will offenbar Teile seines Werksgeländes – noch vor drei Jahren war das Werksgelände größer als das Fürstentum Monaco – am Stammsitz Rüsselsheim verkaufen und geschrumpft zurückmieten.
Noch ist nichts entschieden, auch nicht die Zukunft des Motorenwerks in Wien-Aspern. Nach den Wiener Gemeinderatswahlen im Oktober werden sich dort die Nebel lichten. Die Fortbestandsaussichten sind einschätzbar. Die Arbeitnehmervertreter feilen permanent an entsprechenden Sozialpaketen, schließlich haben sie im stufenweisen Personalabbau Erfahrung.
Opels 110 Millionen operativer Halbjahresgewinn macht sich gut in Paris. Dass das zu Lasten exzessiver Sparwut zu Papier gebracht wurde, kommt angesichts halbierter Marktanteile einer Hexerei gleich. Reihum fehlen die Ansprechpartner, besonders gegenüber den Vertriebspartnern. Dass E-Mails als einzige Verbindung zum Opel-Hauptquartier bleiben, lässt im ansonsten so wichtigen Kundenzufriedenheitssektor die Alarmglocken schrillen. Nur Tavares und seine QualitätsmanagerInnen hören das nicht, sollen gar nicht hören.
Anstatt seinen Händlern – mit und ohne Corona – die Folgen sich verringernder Absatzvolumina abzufedern, verfolgt der PSA-Clan bereits die „Peugeot Champion“-Strategie. Wenn bis Mitte September 2020 die Vertragspartner nicht alle Diktate, so z.B. den Vertragszusatz der Datenüberlassung ohne Entschädigungsrecht, unterschrieben haben, stehen sie automatisch mit zweijähriger Kündigungsfrist zur Entlassung aus dem Händlernetz an.
Direkt formuliert: Die Selektion in den Händlernetzen hat begonnen. 2023 in den Niederlanden beginnend, rückt Tavares seine Konzernmarken Peugeot, Citroen, DS und Opel unter ein Vertriebsdach, maximal noch mit Platz für die Fiat-Marken, wenn die Fusion mit den Italo-Amerikanern klappt.
Diesbezüglich wandert meine Fantasie nach Graz: Bundesgremialobmann Komm.-Rat Klaus Edelsbrunner ist erfolgreicher Peugeot-Händler in der steirischen Landeshauptstadt. Fior in der Murstadt beherbergt heute schon die Marken Opel, Peugeot, Citroen und DS. Jeder kann sich seine Gedanken dazu ausmalen. Optional könnte der konziliante Edelsbrunner mit viel Geld selbst in die PSA-Champion-Liga aufsteigen.
Dass die Markenhändler das einzig verlässliche Bindeglied zu den Kunden sind, wird in der Konzernzentrale vergessen. Dennoch werden nach dem 15. September weitestgehend alle Vertriebspartner die Diktate der Franzosen akzeptiert haben. Nur nicht die Kunden, die sich die Sparwut auf Dauer nicht bieten lassen wollen. Dann findet sich Tavares wie im Fußball in einer Champions-Liga ohne Publikum.
Diesen Coup werden auch die klügsten Händleranwälte nicht verhindern können. Wie sagt das Tavares Regime ungeniert: Selbstverständlich stimmen wir uns mit jeder Markenvertretung ab. Über die Maßnahmen und die Umsetzung unserer Ziele – so auch das Vergütungssystem - bestimmen wir!
