Die Automobilindustrie war bereits vor Covid-19 in einem massiven Umbruch, sowohl technologisch als auch international. China hatte es binnen weniger Jahren geschafft, eine Vorreiterrolle im Bereich Elektromobilität und teilweise auch Automatisierung aufzubauen und dies aus einer Kombination einer hoch ambitionierten und klar formulierten staatlichen und strategischen Industriepolitik, sowie den bekannten Spezifika von „Sinovation“, der chinesischen Fähigkeit ganze Industriebereiche zu transformieren, wie z. B. durch „leap frogging“ (dem Überspringen von Technologien) und dem Aufbau gänzlich neuer Ökosysteme.
Dr. Berger-Sodian glaubt, dass China es weiterhin schaffen wird, seine Vorreiterrolle im internationalen Umfeld der Mobilität auszubauen:
Durch sehr klare, strategische Industriepolitik, die sich u. a. in „Made in China 2025“ wiederfindet und sich in einem neuen strategischen Manifest in den „China 2035 Standards“ fortsetzt. Beide Dokumente liefern die Grundlage für einen riesigen Transformationsprozess des Landes, mit dem erklärten Ziel, China neben einigen weiteren Schlüsselindustrien im Bereich Alternative Antriebe/Elektromobilität als Weltmarktführer zu etablieren.
Diesem Ziel folgend, hat die chinesische Regierung Subventionen für alternative Antriebe, die eigentlich bereits auslaufen hätten sollen, bis 2022 verlängert.
Das heißt, Subventionen und Steuerbefreiungen für Elektrofahrzeuge werden verlängert und gleichzeitig wird die Mehrwertsteuer auf den Verkauf von Gebrauchtwagen gesenkt. Hoch sind auch die geplanten Investitionen in die Lade-Infrastruktur budgetiert.
Nicht zuletzt mit den „China 2035 Standards“ gelingt es China nach Berger-Sodians Meinung sich endgültig von der ehemaligen Rolle der verlängerten Werkbank zu verabschieden. Chinas zukünftige Rolle in der internationalen Welt der Mobilität wird auch über ihren aktuellen Beitrag im Zuge der internationalen Wertschöpfungsketten und als einer der wichtigsten Absatzmärkte hinaus gehen, also auch international Standards definieren.
In chinesischen Start-ups ist Wachstum von Grund auf transformativ: Soll heißen, entsprechende Unternehmen sind von Tag 1 mit einer DNA ausgestattet, die ihnen konstante Anpassung an neue Rahmenbedingungen und einen ausgesprochen hohen Grad an Innovation ermöglicht. Insofern hätten viele chinesische Hersteller die Zeit des Shutdowns auch gleich wieder für Innovationen bzw. neue Geschäftschancen genützt.
China hat längst eine Vorreiterrolle in den Bereichen Elektromobilität und teilweise auch im Bereich des Autonomen Fahrens inne. Covid-19 hat China früher getroffen als den Rest der Welt, was mit der Chance einer schnelleren Rückkehr zu einer neuen „Normalität“ für den „Roten Riesen“ einherging. Auch wenn es im Februar Umsatzeinbrüche im chinesischen Handel von bis zu 80 Prozent gab, so waren die Ergebnisse im April bereits wieder sehr gut, und teilweise sogar über Plan, lautet der OEM-Insiderin jüngste Expertise.
Während sich das chinesische Kaufverhalten weiter in eine virtuelle Richtung mit Fokus auf „emotional experience“ entwickelt, befürchtet die Autorin ihres Buches „Im Jahr des Tigers – Warum es noch nicht zu spät ist von China zu lernen“, dass das europäische Kaufverhalten zumindest in den nächsten Monaten) „vorsichtiger“ werden wird und Kriterien für Kaufentscheidungen sehr pragmatisch im Hinblick auf Leistbarkeit getroffen werden (müssen).
Was bedeutet, aus dem ursprünglich hehren Ziel ein Elektroauto kaufen zu wollen, könnte in vielen Fällen eine Kaufentscheidung für eine preisgünstigere Lösung mit konventioneller Motorentechnologie werden.
In diesem Fall würde nicht nur der Wunsch nach Nachhaltigkeit im schlimmsten Falle im direkten Wettbewerb mit Machbarkeit – bzw. auf Endkundenseite – Leistbarkeit stehen. Auch könnte der Erfolg der Elektro-Bemühungen der westlichen OEMs zumindest verlangsamt werden. Spannend wird es in dem Zusammenhang auch sein, inwieweit CO2-Regelungen aufrecht bleiben werden können.
Kommt es zur Deglobalisierung und damit wieder vermehrt zu „Made in Europe“, fließt wirtschaftliche Energie zurück in unseren „Alten Kontinent“.
Die gebürtige Kärntnerin, die dem chinesisichen Luxus-E-Autopionier Nio in Europa den Markteintritt vorbereitete, glaubt persönlich nicht, dass es zu einer Deglobalisierung kommen wird, allerdings, dass sich Globalisierung als solches verändern wird und somit auch Europa neue und zusätzliche Chancen bekommt.
Globalisierung war bisher mehrheitlich in einem materiellen, physischen Sinn zu verstehen wie z. B. in Zusammenhang mit internationalen Lieferketten, internationalen Absatzmärkten etc.
Offensichtlich haben gerade die letzten Wochen Unternehmen angeregt, die Resilienz ihrer Lieferketten zu überdenken, was sicherlich dazu führen wird, dass der eine oder anderen eine regionalere Lösung in Erwägung ziehen wird. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten spielt der Kostenfaktor eine zentrale Rolle.
Die Buchautorin vertritt die Meinung, dass die meisten Unternehmen weiterhin schauen werden müssen, wie und wo sie ihre definierte Qualität zu den besten Konditionen bekommen können. Dass sich somit gleich unsere an China orientierten Lieferketten fundamental ändern werden und es zu einer De-Globalisierung kommt, bezweifelt sie.
Die aktuelle Zeit, so die China-Kennerin abschließend, ist definitiv eine Chance in und für Europa neue Energie zu generieren und vor allem die Stärken der europäischen Automobilindustrie nochmals neu und im internationalen Kontext hervorzuheben.
