Die Rede ist vom Drang zum paradoxen Stillstand im Zuge der automobilen Fortbewegung. Natürlich muss dieses scheinbar unmotivierte, oft stundenlange Einfrieren des Verkehrsflusses gute Gründe haben, der Mensch ist bekanntlich zu hundert Prozent vernunftgesteuert.
Ferien haben am Samstag zu beginnen und am selben Tag auch wieder zu enden, so wollen es die ungeschriebenen Gesetze des Tourismus. Ebenfalls gute Gründe wird es haben, dass an den endlosen Baustellen nicht mehr als eine Person pro Kilometer abgesperrter Strecke aktiv arbeiten darf. Notwendig sind auch die innereuropäischen Grenzkontrollen. Dass nicht kontrolliert, sondern bestenfalls müde durchgewachelt wird, spielt keine Rolle: Es geht ums Sicherheitsgefühl, das der Stillstand offenbar am wirksamsten auslöst.
Meine Theorie lautet, dass es sich bei all diesen Stehpartien um kulturelle Events handelt, eine Art Orgien-Mysterien-Theater. Sommerzeit ist bekanntlich Festspielzeit. Warum sollten also nicht abseits der Seebühnen die großen jährlichen Immobilitätsfestspiele stattfinden?
Ganz der Schule des Wiener Aktionismus folgend, brechen die Teilnehmer der spontanen Happenings radikal mit der überkommenen gesellschaftlichen Konvention der Fortbewegung. Untermalt vom Düdldü der Verkehrsfunksender, drängen sich die zu Kunstschaffenden gewordenen Zuschauer in ihren klimatisierten Logen wie Nitschs Schlachtvieh zum Schlagbaum, zum Ende der Baustelle, zum Paradies hin, das halt Jesolo oder Split oder St. Kanzian heißt.
Mir fehlt leider die Zeit, darüber weiter zu sinnieren. Koffer wollen gepackt, das Auto gewaschen, Vignetten aufgeklebt werden. Wir fahren, wenn alle fahren, samstags. Wie es sich gehört. •
