Noch nie sah man dem ZDK-Präsidenten und Frankfurter VW-Händler Jürgen Karpinsky seine Verzweiflung derart ins Gesicht gezeichnet wie beim 4-Ländertreffen in Wien.
Erste, aus dem Wachstumswahn resultierende Insolvenzen werden bekannt und auch Österreichs Fahrzeughandel kann sich dem Preisverfall Euro-5-zertifizierter Dieselfahrzeuge nicht entziehen.

Um dem Autohandel zusätzlichen Schwung zu verleihen, setzte man auf Partnerschaften mit großen Leasinggesellschaften – oftmals auch auf herstellerverbundene Finanzdienstleister. Jetzt geht die Balance verloren, sagen Insider.
Eigentlich ist Leasing eine solide Sache – wenn die Rahmenbedingungen sich nicht in kürzester Zeit so gravierend ändern wie aktuell in der Folge des VW-Dieseldesasters. 

Leasing-Rückläufer werden binnen 2 Jahren gehörige Sprengkraft entwickeln, orakelt Prof. Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen. „Die Verluste durch Wertminderung und längere Verweildauer auf den Höfen zehren an der Substanz der Händler.“
Nur eine groß angelegte Hardware-Umrüstung könnte weiteren Schaden verhindern, allerdings sträuben sich die Hersteller noch dagegen.

Zudem lässt die Prognose noch einen Faktor unberücksichtigt. Wenn die von den Herstellern ausgelobten Umtauschprämien tatsächlich in Anspruch genommen werden, die Diesel-Fahrverbote in Städten mit hoher Schadstoffbelastung verhindern sollen, würde die Zahl der Dieselautos auf den Höfen der Händler noch einmal deutlich ansteigen. Österreichs Fahrzeughandel fürchtet dann eine Schwemme preisgünstiger Gebrauchtfahrzeugen aus Deutschland. Zudem steigt der Frust bei den heimischen Fahrzeughaltern wegen des rasanten Werteverlustes, der wiederum nachhaltig das Händlerimage schädigt.

Auf die Händler kommt noch ein weiteres Problem zu: Die aufwendige Zertifizierung neuer Automodelle nach dem neuen Abgas-Standard WLTP kostet so viel Zeit, dass Lieferengpässe die Folge sind. 
Die Händler müssen daher ihre Neuwagenkunden vertrösten – und erst einmal auf Einnahmen verzichten, mit denen sie den Fahrzeugbestand auf ihren Plätzen finanzieren könnten. Wer in dieser Situation nicht auf die Umsätze einer gut ausgelasteten Werkstatt zurückgreifen kann, gerät rasch in arge Bedrängnis.

Nicht zuletzt aus diesem Grund rufen die Verbände der Kfz-Branche Politik und Hersteller dazu auf, die Hardware-Nachrüstung für ältere Diesel so schnell wie möglich auf den Weg zu bringen, um die Restwerte der Autos zu stabilisieren. Die Betriebe stünden für den Einbau parat. 

Das kann dauern. Denn die deutsche Bundesregierung streitet noch mit den Autobauern, weil diese die Kosten für die Umrüstung vollständig übernehmen sollen. Die Hersteller zieren sich noch – Daimler, Opel und BMW lehnten Nachrüstungen ab, Volkswagen erklärt sich nur einverstanden, wenn sich alle Konkurrenten beteiligen.

Fazit: Die Wachstumsgier der letzten Jahrzehnte hat die Märkte übersättigt und jetzt im politischen Umbruch platzen die Nähte. Folglich werden zunächst die Händlernetze ausgedünnt – vorrangig die privaten Unternehmer. In den urbanen Zonen wird das Auto zurückgedrängt und auf dem Land fehlt eine Kaufkraft belebende, lokale Infrastruktur.

Im Problemkreis des Angebotsüberflusses wächst in der Bevölkerung die Angst vor Jobverlust und Verdienstentgang durch Billigjobs bei gleichzeitig explodierenden Lebenserhaltungskosten. Was alte Großparteien jedoch nicht weiter tangiert. Die Wahlausgänge werden ignoriert.
Branchenvertreter üben sich – nicht nur im 4-Ländergespräch – im politischen Duktus des Verdrängens und Herunterspielens. Das Zeitfenster zum demokratischen Gegensteuern beginnt sich zu schließen. •