Vor exakt 200 Jahren tagte in der Hofburg der Wiener Kongress. Heute werden die Säle für elegante Bälle und renommierte Veranstaltungen (etwa das Wiener Motorensymposium) genutzt. AUTO&Wirtschaft lud heuer zum ersten Mal in die Hofburg:Über 350 Teilnehmer ließen sich den alljährlichen Fixtermin im Branchenkalender nicht entgehen.
Erträge auf Talfahrt
Dass die Lage der Kfz-Betriebe gegenüber früheren Jahren keineswegs einfacher geworden ist, wurde schon bei den ersten Worten von Wirtschaftsforscher Mag. Peter Voithofer deutlich. Laut den jüngsten Daten sind die Umsatzrenditen im Fahrzeughandel von 1,2 auf 0,9 Prozent gesunken. Im Reparaturbereich gab es ein Minus von 1,6 auf ebenfalls 0,9 Prozent. Im Durchschnitt erwirtschaften Klein-und Mittelbetriebe nur mehr eine Rendite von 1 Prozent, während die großen österreichischen Automobilunternehmen stabil bei 2,3 Prozent liegen. "4 von 10 Betrieben erreichen die Gewinnschwelle nicht", so Voithofer. Dies sei umso bedenklicher, als auch im Jahr 2015 eine "bestenfalls durchwachsene Konjunkturentwicklung" zu erwarten sei.
Angesichts dessenüberrascht es nicht, dass die Kreditschützer eine verheerende Meinung von der Branche haben. "Die Bonität der Kfz-Wirtschaft liegt auf Rang 47 von 50 beurteilten Wirtschaftszweigen", so Voithofer. Selbst der notorisch pleiteanfällige Hochbau liege deutlich vor den Autohäusern und Werkstätten.
Einkaufsvorteile nützen!
Wie können die Betriebe gegen die dramatische wirtschaftliche Situation ankämpfen?"Wir werden weder den Preiskampf abschaffen noch die Überproduktion stilllegen können. Um in diesem Wettbewerb bestehen zu können, ist es eine zwingende Notwendigkeit, die Kostenführerschaft zu besitzen", meinte Albert Still, als Aufsichtsratsvorsitzender der AVAG einer der größten und einflussreichsten Autohändler in Europa. Er rät unter anderem zur Bündelung der Einkaufsmacht: "Händler müssen sich zusammentun, um Synergien nützen und durch höheres Volumen Einkaufsvorteile lukrieren zu können." Dies sei "die Grundlage des Überlebens".
Mit Kundenbindung gegensteuern
"Wenn man bedenkt, wie teuer es ist, einen neuen Kunden zu gewinnen, dann ist der Aufwand für die Kundenbindung vergleichsweise gering", betonte Axel Berger, Vorstandsvorsitzender der CarGarantie. Dies gelte umso mehr, als es kaum noch Marktwachstum gebe: 2018 sei in Österreich ein Pkw-Markt mit 324.000 bis 330.000 Neuzulassungen zu erwarten. Für 2026 geht eine von CarGarantie in Auftrag gegebene Studie von 317.000 bis 337.000 und für 2030 von 314.000 bis 340.000 Neuzulassungen aus.
Zu den wesentlichsten Kundenbindungswerkzeugen gehört laut Berger die Gebrauchtwagengarantie: Diese werde derzeit von jedem 8. Konsumenten gewünscht, aber nur von 43,2 Prozent auch tatsächlich genützt. Hier gebe es daher noch große Optimierungspotenziale.
Das Internet als Chance
"Mehr Daten führen zu neuen Zusammenhängen", erläuterte Dr. Sebastian Lorenz, "Head of Analytics and Research" bei der Gebrauchtwagenbörse Auto-Scout24. Das im Internet bereitgestellte Datenvolumen ("Big Data") gewinne auch für den Autohandel an Bedeutung: "Es geht zum Beispiel darum zu erkennen, wann der Kunde ein neues Auto kaufen möchte." Ebenso wichtig sei eine datenbasierte Kundenansprache im Service.
Ganzähnlich argumentierte Adrian Schnell, Eigentümer der aus der Schweiz kommenden Onlineplattform Autofaszination. Diese ist seit Kurzem auch hierzulande aktiv. "Über 25.000 Autofahrer in Österreich suchen pro Monat über Google nach Reifen, Autoteilen und Leistungssteigerungen", so Schnell. Sein Ziel ist es, die Internetkunden direkt in die Partnerwerkstätten zu holen: "Der Händler bekommt dieselbe Produktmarge wie beim Teilehändler." In Österreich startet Autofaszination mit Plankenauer und Fastbox, weitere Partner werden gesucht.
"Warren Buffett investiert in Autohäuser"
Auch Mag. Helmut Kluger, Herausgeber der deutschen Fachzeitung "Automobilwoche", wollte nicht in die häufig zu vernehmenden Klagen über das Internet einstimmen. Der Autohandel müsse "die Digitalisierung als Chance begreifen", da sie nicht aufzuhalten sei: "Ein Brockhaus ist heute genauso verschwunden wie der Automobilmarkt in der "Süddeutschen Zeitung"." Gleichzeitig würden Einzelbeispiele beweisen, dass ein professioneller Vertrieb via Internet die Zukunft der Automobilbetriebe absichern könne: "Wenn Warren Buffett als erfolgreichster Investor der Welt in den USA Autohäuser erwirbt, bedeutet das nichts anderes, als dass man auch in der Zukunft mit dem Automobilvertrieb Geld verdienen kann."
"Wir haben zu viele Händler"
Und wenn es mit dem "Internet als Chance" doch nicht klappt? Eigentlich müsste sich jeder Firmeninhaber ein gesichtswahrendes "Exit-Szenario" zurechtlegen, meinte Komm.-Rat Burkhard Ernst, Bundesgremialobmann des Fahrzeughandels: "Wir haben viel zu viele Händler: Ein Zehntel von Nordamerika, nur das ist 117 Mal so groß. Hier muss eine Bereinigung stattfinden!" Ernst kritisierte die große Ertragsschere zwischen den Herstellern einerseits und den Einzelhändlern andererseits. Außerdem sprach er sich vehement gegen die politische Diskriminierung des Automobils aus. Sollten beispielsweise in Wien die langfristigen Verkehrspläne der rot-grünen Stadtregierung tatsächlich realisiert werden, würde dies jeden zweiten Kfz-Betrieb um seine Existenz bringen.
Dr. Felix Clary und Aldringen, Vorsitzender des Arbeitskreises der Automobilimporteure, wollte keine Mitverantwortung der Herstellerseite an der aktuell schwierigen Branchensituation eingestehen. Sein Rezept: "Hoch qualifizierte Händler" müssten noch enger mit den Importeuren zusammenarbeiten, in Zertifizierungen und Infrastruktur investieren sowie alle Verkaufsaktionen mittragen. "Die hohen Anforderungen werden zu einer stärkere Selektion der Hersteller und zu einem Rückgang der Händlerzahlen führen", so Clary.
Kampf gegen Werkstattmonopole
Im Werkstattbereich ist es unterdessen die Telematik, die bisherige Marktverhältnisse über den Haufen werfen könnte. Das voraussichtlich ab 2017 in allen Neufahrzeugen verpflichtende Telematiksystem "eCall" könnte von den Herstellern dazu missbraucht werden, das Servicegeschäft zu monopolisieren, lautet eine häufig geäußerte Befürchtung der markenfreien Marktteilnehmer. "Der Kunde muss entscheiden, welcher Ansprechpartner über eCall kontaktiert wird", unterstrich Mag. Walter Birner, Eigentümer des gleichnamigen Teilehändlers. Freie Betriebe und Multimarkenwerkstätten müssten die Fahrzeugdaten unabhängig vom Automobilhersteller in einer standardisierten Weise erhalten und unabhängige Diagnosesysteme müssten das Fehlerauslesen durchführen können.
Hitzige Diskussion um Reparaturmethoden
Die von den Kfz-Versicherungen forcierte Reparatur mit günstigeren Identteilen war der Anlass zu einer lebhaften Expertendiskussion. Österreich befinde sich in einer "besonderen Situation", da die Identteilekalkulation anderswo schon längst üblich sei, sagte Mag. Reinhard Seehofer, Mitglied im Schadenausschuss des Versicherungsverbandes. Dem pflichtete Richard Nathschläger, Chef des mit der Entwicklung eines entsprechenden Systems beauftragten Dienstleisters Audatex, bei: "Wir sind in Österreich das letzte gallische Dorf." Von den Vorteilen für alle Beteiligten ist Nathschläger überzeugt. Komm.-Rat Friedrich Nagl, Bundesinnungsmeister derKfz-Techniker, erteilte dem freilich eine Absage: "Solange die Garantie gilt, ist der Originalteil entscheidend. Ich habe schließlich eine Vollkaskoversicherung für ein Originalfahrzeug gekauft."
Sinkendes Reparaturaufkommen
Mit welchen Teilen auch immer gearbeitet wird: Das Reparaturaufkommen dürfte bis 2020 um 9 Prozent zurückgehen, prognostizierte Christian Uhl vom Beratungsunternehmen "International Car Distribution Programme"(ICDP). Durch die Qualitätssteigerung bei Fahrzeugen und Komponenten sowie die sinkende Durchschnittsfahrtleistung werde die tendenzielle Alterung des Fahrzeugbestands mehr als wettgemacht. Keine größeren Veränderungen erwartet Uhl übrigens bei den Antriebstechnologien: Der Verbrennungsmotor werde mindestens bis 2030 dominant bleiben.
"Umdenken erforderlich"
Welche Schlüsse zieht die Autobranche aus den beim AUTO-&-Wirtschaft-Tag geschilderten Szenarien? Eines steht für Gastgeber Gerhard Lustig, Herausgeber der Fachzeitung und Geschäftsführer von Lederers Medienwelt, außer Frage: "Ein Umdenken der Hersteller bei Margen, Standards und Marktanteilspolitik wird ebenso erforderlich sein wie positive Signale der Politik." Von Letzteren kann jedoch keine Rede sein: Den Automobilbetrieben wird wohl auch in Zukunft ein eisig kalter Wind entgegenwehen.
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