In der Vorbereitung dieses LACK & Wirtschaft führten mich meine Reisen quer durch die Republik, aber auch ins benachbarte Deutschland. Dort traf einander die Branche bei den Würzburger Karosserie- und Schadenstagen, verbunden mit viel Zulauf. Bei der Einleitung zum Vortragsprogramm wurde aber bereits relativ rasch spürbar, dass bei unseren Lieblings-Nachbarn das Verhältnis zwischen Reparaturgewerbe und Versicherungswirtschaft kein einfaches ist. ZKF-CEO Aukamm thematisierte Schadensteuerung und die Vergütung der Unfallschadenreparatur durch die Versicherungen. Dies läuft in Deutschland nicht gerade friktionsfrei, allein die Rechtsanwälte von der Kanzlei Voigt beschäftigen sich eingehend mit rund 70.000 diesbezüglichen Streitfällen pro Jahr.
Ganz anders die Situation in Österreich. Hier betonen die Vertretungen auf Werkstattseite, konkret der Lack- und Karosseriebeirat in der Bundesinnung der Fahrzeugtechnik und auf Versicherungsseite der Verband der Versicherungsunternehmen Österreichs (VVO), den partnerschaftlichen Umgang miteinander. Es gibt Eigenheiten des österreichischen Marktes, die sonst in Europa so nicht vorzufinden sind, etwa dass Werkstätten Schäden mit Versicherungen direkt abrechnen oder mit Sachverständigen strittige Situationen bereits vor dem Start der Reparaturarbeiten geklärt werden. Diese Zusammenarbeit im Zeichen der Harmonie hat aber ihren Preis, vorrangig für den Endkunden, der im europaweiten Vergleich nicht gerade wenig für Versicherungsprämien aufwenden muss.
Aktuell sind von den starken Kostensteigerungen sowohl die Kfz-Betriebe (Energie, Personal, Ausstattung etc.) als auch die Versicherungen betroffen. Ausschlaggebend dafür ist die steigende Komplexität der Fahrzeuge, wo Komponenten wie Stoßstangen (dank verbauter Sensorik) oder Scheinwerfer (LED-Matrix etc.) die Reparaturkosten sprunghaft in die Höhe schnellen lassen. Auswege aus diesem Dilemma suchen beide Seiten: Die Werkstätten, in denen Reparatur statt Austausch in den Mittelpunkt gerückt wird, und die Versicherungen, die nach Kfz-Betrieben mit günstigeren Stundensätzen Ausschau halten. Gerade bei den Diskussionen um Stundensätze ist das Thema Schadensteuerung nicht fern, das von Werkstattseite mit einiger Vorsicht behandelt werden muss: Wählt man diesen Weg, so erhöht sich im Normalfall die Abhängigkeit von einem oder wenigen Vertragspartnern. Und bereits in der Gegenwart berichten Betriebsinhaber von schwankender Auftragslage durch die vermehrte Steuerung von Unfallschäden in von Versicherungen bevorzugte Kfz-Betriebe.
Obwohl die Schadensteuerung in Österreich noch ein zartes Pflänzchen – Insider sprechen hier von einem Volumen im einstelligen Prozentbereich – ist, darf sie auf keinen Fall unterschätzt werden. Immer mehr Versicherungen suchen nach günstigeren Partnern, zumeist auf Netzwerkebene, zur Beseitigung von Unfallschäden. Selbstbehalts- und Prämienreduktion für Endkunden inklusive. Auf der anderen Seite stehen viele kleinstrukturierte Betriebe, die regional stark verankert sind und sich als kompetenter Partner in der Unfallreparatur bewährt haben. Der Blick nach Deutschland, einem Markt mit 60 Prozent Schadensteuerung und höher, macht deutlich: Dort stehen Streit und gerichtliche Auseinandersetzungen an der Tagesordnung. Diese Situation will in Österreich eigentlich niemand.
