In diesem Zusammenhang kam mir beim Messerundgang Nestroys Posse „Das Haus der Temperamente“ in den Sinn: Das Haus ist die Internationale Automobil Ausstellung (IAA), in dem VW, Mercedes, BMW und Ford und ein paar andere ihre unterschiedlichen Temperamente ausleben. Mit Zaubershow an teils riesigen Videowalls und wenig zum Anfassen, geschweige denn zum Erfassen.

Die Zulieferindustrie mutierte zum Lückenbüßer, was die Ausstellungsqualität betrifft. Alles setzt auf Klima und Digitales, auf intelligente Arbeitsplätze. Was die Masse für ihr wirtschaftliches Fortkommen braucht, um sich das alles leisten zu können, hat bislang keinen Platz in der Argumentation.

Jetzt wartet alles auf die Reaktion der Autofans, die zu Hunderttausenden in die wenig gewordenen Ausstellerhallen strömen werden (sollen). Dazwischen diskutieren die Industriegranden und Regionalpolitiker – Frauen finden sich nur auf der Klimaretter-Seite – mit Vertretern der IAA-kritischen NGOs. Das hat Nachhaltigkeit und belebt die Sinne. Der Wirtschaft raubt es dabei oft die Sinne, denn über die Milliardenfalle Klimaschutz reden nur die Stimmenfänger der Opposition.

Das Ringen um die wirtschaftspolitische Deutungshoheit der Automobilwirtschaft hält v. a. Europa in Atem. Täglich gibt es neue Entwicklungen und damit auch Unsicherheiten für die Wirtschaft auf unserem Kontinent.

Und jetzt zu den 4 Temperamenten, die ich auf der IAA zu den Presse- und Fachbesuchertagen antraf.

Der heiter-aktive Sanguiniker betrachtet alles durch die optimistische Brille und überlässt den Genesungsprozess – sprich das Überleben der Autoschau in Frankfurt – dem Zeitenwandel.

Passiv und schwerfällig reagiert der Phlegmatiker, der dem konventionellen Auto und der reinen E-Mobilität mit seinen undurchschaubaren Angeboten nur schwer Positives abgewinnen kann.

Traurig, nachdenklich ist der Melancholiker, wenn er in der 4er-Halle die „Motorworld“ betritt und dort auf Stromantrieb umgerüstete Oldtimer trifft. Das ist technisch gesehen Geschichtsverfälschung. So, als würde das Mona-Lisa-Gemälde Augenbrauen dazugepinselt bekommen.

Was alles auf der Rumpfmesse zu sehen ist, erregt wiederum den streitbaren Choleriker, will er doch von seinen mobilen Denkgewohnheiten ganz und gar nicht abrücken. Früher pilgerten ganze Flugzeugbäuche voll Händlern und Werkstattleuten zur IAA, um sich geistig auf neue Absatzerfolge einzustimmen.

Die sichtbar wenigen Besucher trafen meist lethargische Standbetreuer an, die kaum Antworten auf den realen Wirtschaftsfortgang zu geben imstande waren. Die Firmenbosse haben ihre Belegschaft nicht autorisiert zu diskutieren, was der Mobilitätswandel – in Bezug auf Arbeitsplätze, Konjunktur und damit – dem eigenen Wohlstand bescheren wird.

Die vermeintlich Mächtigen der Autoindustrie halten sich bis zur Selbstvernichtung zurück, weil man es sich mit keiner der politischen Richtungen verscherzen will.

In einer dämonisierten Klimadebatte kommen jetzt die Besucher mit ihren unterschiedlichen Perspektiven zur IAA und werden sicher ihren Erlebnis- und Erfahrungshorizont erweitern können. Stellt sich am Ende die Frage, was mehr in der Öffentlichkeit hängen bleibt: Aktivisten, die „Sand ins automobile Wirtschaftsgetriebe“ streuen wollen, oder das bombastische Getue rund um die E-Mobilität. •