Ein weiterer, bedeutender Marktteilnehmer gibt seine unternehmerische Selbstständigkeit auf und übergibt an das Investmenthaus Bain Capital. Reiff hat über Jahrzehnte bewiesen, dass er das Reifenersatzgeschäft erfolgreich beherrscht. Er war lange Zeit Vizepräsident des BRV. Den Verkaufsentschluss deuten Branchenbeobachter dahingehend, dass ihm die zunehmend die Branche bestimmenden Misstöne und Verwerfungen unüberwindbar erschienen.
Diese Aussage betrifft sowohl das Einzelhandels- als auch das Großhandelsgeschäft nicht nur der Firma Reiff. Margendruck, Überproduktion (keine Anpassung der Produktionsmengen an die Nachfragerealität), Preistransparenz durch B2B, B2C, keine Vertriebshygiene werden als Hauptursachen dafür genannt. Industrieseits, wehklagt der Handel, ist kein strategischer Ansatz erkennbar, zu vertriebspolitisch und ordnungspolitisch vernünftigen Überlegungen zu kommen. Dem Branchenverständnis folgend breitete sich auch bei Reiff jene gewisse Ratlosigkeit/Mutlosigkeit aus, von der zunehmend andere Branchenteilnehmer erfasst werden.
Vermögenserhalt durch Rückzug statt alternativem Vermögensverzehr durch Weitermachen scheint Vorrang zu bekommen, was man unternehmerisch verstehen kann, sofern eine Firma dazu in der Lage ist. In Österreich werden hinter – noch – vorgehaltener Hand namhafte Reifenhändler damit in Zusammenhang gebracht. Das Signal, das vom Reiff-Verkauf ausgeht, ist eindeutig: Weitere freie Reifenhändler werden sich über einen Verkauf ihres Unternehmens verstärkt Gedanken machen. Angesichts einer unsicheren Zukunftsprognose (die Herausforderungen, die mit der Digitalisierung einhergehen, werden enorm sein) und der Notwendigkeit, ein betriebswirtschaftliches Ergebnis von 6 % bis 7 % erzielen zu müssen, um die zukünftigen Investitionen stemmen zu können, macht der Verkauf der Firma Reiff die Mutlosigkeit transparent, durch Generationen geführte Unternehmen unter den aktuellen Bedingungen zu erhalten.
Investmentfirmen schaffen multinationale Vertriebsapparate, die den von Überkapazitäten überfrachteten Markt aufräumen. Die Industrie lässt sie dabei eine Zeit lang daran verdienen, wird schlussendlich jedoch nie das Heft aus der Hand geben. •
