Die Explosion der Vielfalt

Die Explosion der Vielfalt

Die Reifenvielfalt ist für den Reifenfachhandel nicht mehr zu bewältigen

Die stark wachsende Vielfalt der Reifen-Ausführungen für neue Automodelle und OE-Kennungen belastet die Fachbetriebe bei Vorbestellung, Platz und Kosten. Das Geschäft läuft, bringt aber weniger Ertrag.

Die Produktvielfalt bei den Automodellen und Karosserieformen hat in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch zugenommen. Zwar ist aufgrund der Emissionsvorgaben und der Chipkrise eine leichte Trendwende bei der Vorstellung neuer Karosserieformen erkennbar, die Entwicklung neuer Elektrofahrzeuge und der Start neuer Anbieter in Europa wird die Vielzahl an Modellen aber weiter befeuern.
Dabei hat sich mit jeder Weiterentwicklung auch die Reifenvielfalt sowie die Reifengröße erhöht. "Seit ein paar Jahren wird in der Erstausrüstung überwiegend ab 18 Zoll verbaut", berichtet Michael Peschek- Tomasi, MIB, Geschäftsführer von point-S. Der starke Trend zu E-Fahrzeugen, die derzeit ebenfalls als SUV einem starken Wachstum frönen, befeuert diesen Trend noch zusätzlich.

OE-Kennungen nehmen zu
"Eine weitere Folge dieses Wachstums ist die Produktindividualisierung mit OE-Kennzeichnung und die Explosion der Artikelvielzahl", ergänzt Peschek-Tomasi. "Jeder Fahrzeughersteller versucht, den Vertrieb seiner Ersatzgrößen so kompliziert wie möglich zu gestalten, zahlreiche OE-Kennungen sind mehr oder weniger nur vorgeschoben", kritisiert Wilfried Fleischmann vom gleichnamigen Reifenfachbetrieb in Klosterneuburg. Die Idee istklar: "Das Autohaus bestellt - bonuswirksam -beim eigenen Importeur und bekommt dann die bei der Fahrzeugindustrie vorbestellten Mengen zugewiesen", beschreibt Fleischmann. Ob das in der Dimension läuft, ist eine andere Frage. "Die Autoindustrie hat hier die Büchse der Pandora geöffnet", befürchtet Peschek-Tomasi. Natürlich unter der Mitwirkung der Reifenindustrie. "Diese predigt seit 2018, dass die Händler den Einlagerungsmix erweitern müssen. 2021 hat das Problem die Branche dann voll erwischt." Für den Reifenhandel wird es immer schwieriger, die Ware vorrätig zu halten, zumal dieser die Bereifung der Fahrzeuge der vergangenen 10 Jahre verfügbar haben muss.
"Wachstum bei Fahrzeug-samt Reifenmodellen und bei OE-Kennungen bewirken, dass im Reifenhandel die durchschnittliche Artikelanzahl an Winterreifen seit 2018 um 29 %gestiegen ist, im Sommer gar um 48 %", rechnet Peschek-Tomasi vor. "Inklusive Mischbereifung, also unterschiedlichen Dimensionen vorne und hinten, kommt man beispielsweise für nur ein bayrisches Fahrzeugmodell auf 6 verschiedene Dimensionen", so das Beispiel des point-S-Geschäftsführers. Für den Händler stellt sich dann die Frage: Was möchte der Kunde? Während man beim Erstbesitz vielleicht noch einen Trend auf Basis der Erstausrüstung erkennen kann, ist spätestens beim Zweitbesitzer mit gänzlich anderen Prioritäten zu rechnen.

Unendliche Komplexität
"Geht der Fachhandel auf OE-Kennung ein und bietet mehrere Marken mit verschiedenen Produkteigenschaften, um die Kundenbedarfe individuell zu erfüllen, steigt die Komplexität ins Unendliche." Die Frage, welche Ausführungen in jeweils welcher Stückzahl zu Saisonstart eingelagert werden sollen, wird immer schwieriger zu beantworten. Abgesehen vom mangelnden Platz wächst das Fehlerrisiko und die Gefahr eines hohen bzw. schwer vermarktbarenRestbestandes.


Höherer Platzbedarf
Neben der Komplexität der Lagerhaltung hat sich der Platzbedarf in den vergangenen Jahren deutlich erhöht. "Wenn nur eine Depotregalreihe um 3 Zoll wächst, verliert der Händler 18 Prozent Platz in den darüber liegenden Reihen", weiß Peschek-Tomasi: "Wo bislang 1.000 Stück 16-Zoll-Reifen gelagert waren, finden heute nicht einmal 800 18-Zöller Platz." Das hat sowohl für die Lagerhaltung als auch für das Depot massive Auswirkungen. Diese Reduktion gilt natürlich auch für das Zustellfahrzeug, zudem hat sich das Gewicht der Pneus deutlich erhöht, beides steigert den Logistikpreis.

Deutliche Kostensteigerungen
Zu den erhöhten Kosten für Logistik und für den größeren Pneu kommt die Teuerung der Rohstoffe. "Der durchschnittliche Reifenpreis im Premiumbereich hat sich seit 2017 um 18 Prozent erhöht", so Peschek-Tomasi. Damit steigt der Wert der zu finanzierenden Ware und deren Lagerhaltungskosten. Nicht zuletztbeeinträchtigen Größe und Gewicht das Handling am Fahrzeug. "Mit der Steigerung bei Größe und Gewicht und dem zusätzlichen Aufwand durch RDKS sinkt der Durchsatz auf der Bühne kontinuierlich.
Die Industrie wird die Lager-und Logistikleistung immer wenigerübernehmen: Zu groß die Vielfalt, zu hoch die Kosten. "Die speziellen Größen werden sehr knapp produziert und können meist nicht mehr nachgeliefert werden", ergänzt Wilfried Fleischmann die Probleme. Exakte Bedarfs-Analysen und Prognosen, Lagerund Logistik-Konzepte mit Unterstützung digitaler Systeme, starke Partnerschaften mit Industrie und vor allem dem Zwischenhandel, engere Zusammenarbeit samt Lager und Vertriebs-Ideen mit anderen Reifenhändlern, Autohäusern und Werkstätten werden überlebenswichtig. "Wer jetzt nicht seine Kostenrechnung hinterfragt, Prozesse optimiert und sich den Anforderungen stellt, der wird am zukünftigen Wachstum nicht teilnehmen und abgehängt", warnt Peschek-Tomasi.