Wo war der Winter?

Wo war der Winter?

Hat der schwache Winter das Geschäft belastet? Welche Strategien verfolgen die Hersteller in den Partnerbeziehungen zum Handel? Wir haben nachgefragt.

REIFEN & Wirtschaft: Wie ist das Jahr 2019 insgesamt und das Winterreifengeschäft im -Speziellen gelaufen?

Harald Kilzer, Apollo Vredestein: Durch unsere erneuten Erfolge im Bereich der internationalen Reifentests und unser Streben, unsere Logistik und unseren Service noch weiter zu verbessern, können wir mit unserem Ergebnis in Anbetracht der Marktentwicklungen zufrieden sein. Es war ein sehr schwieriges Jahr und gerade mit dem nicht wirklich stattfindenden Winter eine große Herausforderung, die Einsatz und interne Veränderungen abverlangte. 

Martin Krauss, Bridgestone: Wir blicken positiv auf unser Reifengeschäft im Jahr 2019 zurück. Nachdem der Turanza T005 als Testsieger und Bester seiner Klasse auf nasser und trockener Fahrbahn im ÖAMTC-Sommerreifentest 2019 ausgezeichnet wurde, konnte Bridgestone auch in der Wintersaison eine der modernsten Produktpaletten auf dem Markt anbieten. Allen voran der neue Winterreifen Blizzak LM005, dank dessen „bester Bremsleistung auf Schnee sowie auf trockener und nasser Fahrbahn“ Bridgestone von Auto Bild zum „Hersteller des Jahres Winter 2019“ gekürt wurde. Diese Auszeichnungen bestätigen, dass wir an der Stelle zuverlässig Vertrauen schaffen, an der es am meisten darauf ankommt – dort, wo das Fahrzeug Kontakt zur Straße hat. 

Ing. Wolfgang Stummer, Goodyear: Das Jahr 2019 ist durchwachsen verlaufen. Konkret hat das Sommergeschäft das Niveau von 2018 erreicht. Das Ganzjahresreifen-Segment ist sehr stark gewachsen. Die Einlagerungsphase für das Wintergeschäft lief ebenso sehr erfolgreich. Nachdem der Winter witterungsbedingt ausgeblieben ist, verlief das saisonale Nachkaufgeschäft aber unter unseren Erwartungen. 

Roland Steinberger, Michelin: Das Jahr war von Veränderungen geprägt, die intensive und individuelle Zusammenarbeit mit den Partnern vor Ort machte sich bezahlt. Der Winter? Welcher Winter? In den meisten Teilen unseres Landes hat sowohl zu Jahresende 2019 als auch zu Beginn des neuen Jahres der Schnee gefehlt und somit auch ein Teil des Tagesgeschäfts beim Handel. In Anbetracht dieser Situation sind wir mit dem Wintergeschäft insgesamt zufrieden, und ich möchte mich an dieser Stelle für die Zusammenarbeit und das Vertrauen unserer Partner bedanken. 

Günther Riepl, Falken: Obwohl es in dieser Wintersaison kaum winterliche Verhältnisse gab, waren wir mit dem Verlauf bis Ende Dezember zufrieden. Mit den Umsätzen in den Anfangsmonaten des Jahres 2020 sind wir aufgrund der warmen Witterung nicht wirklich zufrieden.

Mirco Brodthage, Semperit: Wir sind zufrieden mit der Nachfrage nach unseren Produkten im Jahr 2019. Das Winterreifengeschäft zeigte sich dabei bis Ende November mit einem üblichen Verlauf, ab Dezember war dann die Nachfrage deutlich abfallend im Vergleich zum Vorjahr. Dieser Trend zeigte sich aber auch in den ETRMA-Zahlen einschließlich dem Jahresbeginn 2020.


Michael Lutz, Cooper: Das Jahr 2019 hat unseren Erwartungen entsprochen. Gerade die Entwicklung im Winter war doch sehr positiv. Es hat sich gezeigt, dass unsere neuen Produkte sehr gut im Markt angenommen worden sind.

Reinhard Münzker, Pirelli: 2019 gestaltete sich als herausforderndes Jahr, einerseits durch Marktveränderungen, andererseits durch den steigenden Preisdruck sowie die saisonbedingte Nachfrage im Sell-out. Dennoch konnten wir durch überlegte strategische Planung und Umsetzung unsere Position auf dem Markt konsolidieren.

Christian Jelinek, Nexen Tire: Nexen Tire konnte die neuen Winter Profile Snow G3 wie auch Winguard Sport erfolgreich im Markt etablieren. Unterstützend waren die guten Testergebnisse in der Auto Bild und der Autozeitung im Herbst 2019. Hier sehen wir uns bestätigt, dass auch in Zukunft bei unseren Forschungen und Entwicklungen Sicherheit, Komfort und Leistung an erster Stelle stehen sowie der Einsatz neuester Technologien und Mischungen.

Sind die heimischen Reifenfachbetriebe auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet: Digitalisierung, (Online-)Vertrieb, veränderte Kundenanforderungen, Fahrzeug-und Reifenkomplexität? Wie können Sie als Industriepartner die Betriebe dabei unterstützen?

Stummer, Goodyear: Viele Betriebe sind fachlich und technisch sehr gut aufgestellt. In der strukturierten Kundenbearbeitung sehen wir bei einigen Betrieben noch Entwicklungspotenzial. Auch die Online-Vermarktung stellt einzelne Betriebe vor Herausforderungen. Hier wird es Sinn ergeben, diese Fragestellungen in Zusammenschlüssen und Franchise-Organisationen zu lösen oder sie in enger Zusammenarbeit mit der Industrie zu bewältigen. Goodyear bietet mit dem GDHS-Franchise-System HMI und dem DMS-System Tiresoft3 größtmögliche Unterstützung für unsere Partner an.

Lutz, Cooper: Wir glauben, dass es hier noch Potenzial in allen Bereichen gibt. Gerade die Digitalisierung ist unserer Meinung nach wichtig, um für die Zukunft richtig aufgestellt zu sein. Hier ist die Industrie als Partner gefordert, auf diesem Weg zu begleiten, sei es durch den richtigen Auftritt im Internet, den schnellen Zugang zum Kunden oder auch zur Neukundengewinnung. Wir müssen und werden unseren Partnern die notwendigen Tools andie Hand geben und sie auch bei deren Nutzung unterstützen, z. B. durch Schulungen und Trainings.

Jelinek, Nexen: Nexen unterstützt schon heute die B2B-und Industriepartner mit einem digitalen Bestellorder-System. Durch seine intuitive Bedienung ist unser Online-Shop besonders nutzerfreundlich und stellt z. B. alle Labelwerte, Preise und sonstigen benötigten Informationen 24/7 zur Verfügung. Auch weiterhin wird Nexen Tire für neue digitale Anforderungen bestens gerüstet sein und arbeitet deshalb permanent an zukunftsfähigen Prozessen, da jede Herausforderung auch eine neue Chance bedeutet.

Steinberger, Michelin: Wie immer gibt es sehr große Spreizungen. Im Moment besteht die Kunst darin, das richtige Mittelmaß zu finden, um modern und effizient zu bleiben und am Puls der Zeit zu sein. Andererseits hilft es nicht, die Lösung aller Probleme und Herausforderungen in der Digitalisierung zu suchen. Das Wichtigste ist und bleibt der kompetente und freundliche Mitarbeiter, und der ist nach wie vor "analog". Im Bereich der Digitalisierung unterstützen wir in vielerlei Hinsicht: Digitale Lösungen im Bereich Supply Chain -von der Auftragserfassung über die Information zu kommenden Lieferungen bis hin zur digitalen Rechnungslegungund Archivierung -werden angeboten, egal ob per Mail oder per App direkt auf das Handy. Social-Media-Auftritte wie auch Schulungen können von uns unterstützt und gemeinsam umgesetzt werden.

Krauss, Bridgestone: Neben den Stärken von Bridgestone im Bereich Forschung und Entwicklung tragen die engen Beziehungen, die wir zu unseren Partnern im Handel pflegen, maßgeblich zum Erfolg des Unternehmens bei. Unsere Partner im Handel und ihre Kunden stehen dabei immer im Mittelpunkt unserer Aktivitäten. Zwar entwickelt sichBridgestone stetig zu einem führenden Anbieter von Mobilitätslösungen weiter -Premium-Reifen stellen jedoch weiterhin den Kern des Geschäfts dar. Der Händler hat hier den direkten Kontakt zum Endkunden und berät diesen mit seinem professionellen Fachwissen und seinen hochwertigen Produkten optimal.

Riepl, Falken: Wir sehen, dass unsere Kunden und langjährigen Partner gut für die Zukunft gerüstet sind und ständig daran arbeiten. Wir unterstützen unsere Kunden, indem wir unsere Investments in Digitalisierung zur Verfügung stellen, exzellente Logistik und Verfügbarkeit bieten und mit Service vor Ort durch unseren Außendienst nahe am Geschehen sind.

Münzker, Pirelli: Die heimischen Reifenspezialisten sind sehr wohl für die aktuellen Herausforderungen gerüstet, einerseits durch kompetente Organisationen, andererseits durch Austausch und Beratung mit kompetenten Partnern. Pirelli investiert stark in Schulungsmaßnahmen, um das nötige Fachwissen zur technischen Komplexität und zur daraus resultierenden, immer breiter werdenden Produktpalette zu schaffen. So kann der Händler jedem Endverbraucher den der Charakteristik seines Fahrzeugs entsprechenden Reifen anbieten und die Mehrwerte unserer Premiumprodukte vermitteln.

Kilzer, Vredestein: Sowohl die heimischen Reifenfachbetriebe als auch die Reifenhersteller haben erkannt, wie wichtig das Thema der veränderten Kundenanforderungen für unsere Zukunft ist. Ein ganz wesentlicher Punkt wird die Kommunikation und der Kontakt zu den Konsumenten sein. Hier gilt es ganz klar, am Ball zu bleiben, um unsere Daseinsberechtigung zu unterstreichen. Wir von unserer Seite werden Wege suchen, unsere Partner dabei bestmöglich zu unterstützen.

Brodthage, Semperit: Die Kundenerwartungen haben sich in den vergangenen Jahren deutlich geändert. Aus unserer Sicht sind schlanke und belastbare Prozesse innerhalb des Reifenfachbetriebs ein differenzierender Faktor, damit mehr Zeit für die Beratung bei steigender Komplexität entsteht. Wir bieten dem Handel an, mit unserer großen Außenorganisation gemeinsame, auf den individuellen Bedarfsfall abgestimmte Lösungen zu finden. Dieses kann beispielsweise ein automatisierter Prozess von Auftrag bis Rechnung via EDI sein. Natürlich ist es auch unsere Aufgabe, die Sofortverfügbarkeit von Reifen auf einem hohen Niveau zu halten. Durch die stetig steigende Anzahl an Artikeln wird esfür den Handel immer schwieriger, die richtigen Reifen zur richtigen Zeit zu lagern -hier sind wir als Industrie gefragt.

Welcher Kanal wird in Zukunft gewinnen, welcher verlieren: Reifenspezialist, Autohaus, freie Werkstatt, Onlinehandel (mit Montagepartnern)?

Brodthage, Semperit: Wir glauben nicht, dass dies nurüber die Kategorie des Verkaufskanals definiert wird. Es werden die handelnden Personen/Unternehmen gewinnen, die die Kundenerwartungen am besten erfüllen können. Hier geht es um Unternehmertum unabhängig von einer Klassifizierung, die in den vergangenen Jahren sowieso in vielen Bereichen nichtmehr trennscharf war.

Krauss, Bridgestone: Aus unserer Sicht ergänzen sich die Kanäle Autohaus und Fachhandel. Wir drängen jedoch nicht verstärkt in Autohäuser, sondern wollen weiter mit dem Fachhandel kooperieren, das ist für uns ein elementarer Distributionskanal vornehmlich für Consumer-Reifen. Dazu unterstützen wir den Fachhandel in vielen Bereichenwirkungsvoll, verstärkt bei der Gewinnung von gewerblichen Neukunden sowie bei der Bestandskundenpflege. Hierfür gibt es individuelle Supportlösungen in Abstimmung mit dem Handelspartner. Ein Beispiel ist unsere Marke Bandag, die weltweit führende Marke für Runderneuerungen und modernste Runderneuerungssysteme für Lkw. Für 
Pkw-Reifen laufen aktuell Produkttests, bei denen die Händler unsere Reifen vier Wochen lang an ihren eigenen Fahrzeugen intensiv testen können. So erleben sie die Eigenschaften unserer Produkte aus erster Hand und können ihre Kunden noch gezielter beraten. Autohäuser unterstützen wir primär mit zielgerichteten Abverkaufsaktionen am POS und mit Verkäuferschulungen. Bei den Bridgestone Training Days, die auch 2020 wieder stattfinden werden, erwarten wir im März wieder viele Handelspartner sowohl aus dem Reifenfachhandel als auch aus Autohäusern zu diversen Praxistests und Theorieschulungen an drei verschiedenen Standorten in Deutschland und Österreich.

Riepl, Falken: Der Reifenspezialist wird immer einen hohen Anteil haben, da hier auch viel langjähriges Know-how vorhanden ist und der Service durch Reifenhotels etc. ständig ausgebaut wurde. Das Autohaus und die freien Werkstätten -oft in Kooperationen -und der Onlinehandel werden die weiteren Kundensegmente abdecken. Der Markt wird sich diesbezüglich stabilisieren. Schlussendlich entscheidet der Konsument, wo er sich am besten betreut und bedient fühlt.

Steinberger, Michelin: Diese Frage stellen wir uns seit Jahren. Die Verschiebungen zwischen den Kanälen geht weitaus langsamer vor sich, als es vor Jahren noch prognostiziert wurde. Klar wird der Online-Handel nicht wieder verschwinden, aber ich bin fest davon überzeugt, dass es in allen Kanälen Gewinner und Verlierer geben wird, neue Akquisitionen weiter den Markt verändern werden und neue Partnerschaften, Konzepte und Kooperationen nötig sein werden, um für die Zukunft gut gerüstet zu sein und die Basis für nachhaltigen Erfolg zu legen.

Lutz, Cooper: Wir glauben, dass der Reifenfachhandel weiter sehr gute Chancen und Möglichkeiten hat, er sich aber auch mit den notwendigen neuen Herausforderungen beschäftigen muss (Digitalisierung, Qualifikationen wie zum Beispiel Hochvolt ...). Darüber hinaus werden die freien Werkstätten weiter ihren Marktanteil ausbauen.

Münzker, Pirelli: Unsere heimischen Reifenspezialisten sowie die Markenautohäuser haben im Zeitalter der hohen technischen Anforderungen und der Modellkomplexität -auf Basis des vorhandenen Know-hows und stetiger Investitionen in Weiterbildung sowie Kundenbindung -gute Voraussetzungen, ihre Position auf dem Markt zu festigen. Freie Werkstätten sind gut beraten, sich auf kompetente Reifenpartner aus dem regionalen Umfeld zu stützen, um den Anforderungen gerecht zu werden. Im Bereich des Online-Handels macht es die technische Komplexität für den Endkunden herausfordernd, den entsprechendenReifen für seine Fahrzeugcharakteristik zu ordern. Die Montagepartner sind wichtige Elemente als technisches Bindeglied im Online-Handel. Hier wäre zu empfehlen, die Montagetarife aufgrund der umfänglichen technischen Komplexität neu zu überdenken. Kilzer, Vredestein: Wie der Name schon sagt,sehe ich weiterhin beim Reifenspezialisten die größten Chancen, auch in Zukunft die wichtigste Rolle im Thema Reifenhandel zu spielen. Da Reifen in Zukunft noch spezieller und fahrzeugspezifischer sein werden als bisher, müssen Spezialisten immer einen Schritt voraus sein, um den modernen Kundenanforderungen am meisten gerecht zu werden.

Jelinek, Nexen: Belastbare Studien zeigen, dass sich der Reifenmarkt mit den jeweiligen Akteuren permanent im Wandel befindet. Für uns sind alle strategischen Geschäftsfelder gleich gewichtet.

Stummer, Goodyear: Die meisten Kunden erwarten perfektes Service. Dabei ist der Preis für den Großteil der Konsumenten nicht das Hauptkriterium für die Wahl der Bezugsquelle. Wir sehen das Autohaus weiterhin als den am stärksten wachsenden Vertriebskanal. Auch der serviceorientierte Reifenfachhandelsspezialist hat unserer Meinung nach gutes Wachstumspotenzial. Den Online-Vertriebsehen wir nur in Verbindung mit professionellen Vertriebspartnern als zukunftsfähig.