Dicker Brocken

Dicker Brocken

Die Lage spitzt sich zu: Schon 2020 beginnt das sogenannte Phase-In für die neuen europäischen CO2-Grenzwerte: Das heißt, 95 Prozent der verkauften Fahrzeuge müssen den Grenzwert von 95 g CO2 je km erreichen. 2021 müssen die gesamten Flotten der Hersteller den Grenzwert schaffen, leicht differenziert nach dem durchschnittlichen Fahrzeuggewicht.

95 g - das ist der weltweit schärfste CO2-Grenzwert. Obwohl die EU heute politisch fast überall hinterher fährt: Wenn es um die Regulierung des Autos geht, ist man ganz vorn dabei. Mr. Trump wird sich darüber möglicherweise amüsieren.

Für die Automobilhersteller bedeuten die neuen Vorgaben: pushen oder zahlen! Strafe an die EU müssen sie zahlen, wenn sie den neuen Grenzwert nicht erreichen. 95 Euro pro neu zugelassenem Fahrzeug. Bei größeren Herstellern kommt da schnell ein dreistelliger Millionenbetrag zusammen. Oder pushen: Realistischerweise werden viele Hersteller das Ziel nur erreichen, wenn sie den Anteil an E-Autos drastisch erhöhen. Modellrechnungen zeigen, dass - über alle Hersteller hinweg - der Elektroanteil 2020 bei 11 Prozent liegen müsste. Heute erreicht er kaum 2 Prozent.

Der viel zitierte Durchschnitt von 40 km, der am Tag gefahren wird, hilft da nicht weiter: "Im Durchschnitt war der See 1,50 Meter tief und trotzdem sind Pferd und Reiter beim Durchqueren ersoffen", meinte einmal ein Spötter. Nicht der Durchschnitt, sondern die tatsächlich zu fahrenden Kilometer sind für den Autofahrer bei der Reichweiten-Diskussion entscheidend. Und die können von Tag zu Tag variieren. Mangelnde Reichweite, unzulängliche Ladeinfrastruktur und höhere Anschaffungskosten sind keine überzeugenden Argumente: Genau die aber wird der Handel finden müssen. Er befindet sich wieder einmal in einer Sandwich-Position: Auf der einen Seite werden Hersteller und Importeure Druck machen, mehr Elektroautos zu verkaufen. Auf der anderen Seite steht die Skepsis vieler Kunden gegenüber der neuen Antriebstechnologie. Was also tun? Dem Kunden irgendetwas vorgaukeln? Oder ehrlich Vor- und Nachteile des Elektroautos aufzeigen und damit riskieren, die vorgegebenen Absatzziele der Importeure nicht zu erreichen?

Eine solche Situation erfordert von den Händlern vor allem eines: Standfestigkeit. Der Händler ist zuerst und vor allem der Partner des Kunden, denn er ist der einzige, der in das gesamte "System Automobilwirtschaft" einzahlt. Also hat er auch das Recht, fair behandelt zu werden. Um Kunden und Händler dazu zu bringen, mehr Elektroautos zu kaufen bzw. zu verkaufen, werden Hersteller und Importeure daher nicht umhinkommen, Geld in die Hand zu nehmen, um den Absatz dieser Fahrzeuge zu fördern. Elektroautos müssen billiger werden - dann werden sich auch mehr Käufer für diese Antriebstechnologie interessieren.

Niemand kann heute wirklich voraussagen, wie viel ein Elektroauto in 3 oder 4 Jahren wert sein wird. Vor allem die sprunghafte Entwicklung bei der Batterietechnologie und die damit absehbare Verlängerung der Reichweiten könnten dazu führen, dass der Wertverlust bei Elektroautos größer ist als bei konventionellen Fahrzeugen. Möglicherweise sind Elektroautos mit einer alten Batterie irgendwann gar nicht mehr verkäuflich und müssen mit neuen, leistungsfähigeren Batterien nachgerüstet werden.

Die beschlossenen CO2-Grenzwerte sind für die gesamte Automobilwirtschaft ein dicker Brocken. Der Handel muss dabei nicht zwangsläufig der Verlierer sein. Vor allem müssen die Händler eine qualifizierte Beratung anbieten können. Dann wird das ihre Position als die wirklichen Auto-Experten, die ja im Internet von allen Seiten angegriffen wird, wieder stärken. Die Probefahrt ist nach wie vor das beste Kundengewinnungsinstrument für den Handel. Das kann kein Online-Portal. Wenn der Kunde am Ende sagt: "Mein Händler berät mich kompetent und ehrlich und gibt mir die Möglichkeit, mit einem Elektroauto ein paar Runden zu drehen", dann wäre das nicht die schlechteste Konsequenz aus der ganzen Diskussion.