Macht Greta dem Verbrenner den Garaus?

Macht Greta dem Verbrenner den Garaus?

Was treibt die E-Mobilität an, welche Hürden stehen ihr im Weg? Hitzesommer, CO2-Debatte und Klimaproteste heizen die Diskussion um Sinn und Unsinn von Batterieautos weiter an. Was kommt auf die österreichischen Kfz-Betriebe zu?

Der Hitzerekord im Juni hat die Diskussion um den Klimawandel neuerlich entflammt. Auch die Klimaaktivistin Greta Thunberg nimmt punkto Elektromobilität Einfluss auf das Kaufverhalten, wie puls Marktforschung im Rahmen einer repräsentativen Studie bei 1.023 Autokäufern in Deutschland herausfand. Demnach äußerten 52 Prozent der deutschen Autokäufer Interesse an der Anschaffung eines Elektroautos, für Hybride seien sogar 64 Prozent offen. Bei E-Auto-Interessenten zeige sich, dass diese laut Studie "eher jünger sind" und Grün wählten.

"In Österreich würde ich bei dieser Umfrage ähnliche Ergebnisse erwarten, da die Märkte von der Bevölkerungsstruktur, dem sogenannten Wohlstandsund Industrialisierungsindex, der Verteilung der Branchen und den Marktanteilen in der Automobilbranche absolut vergleichbar sind. Elektroauto-Interessenten schieben sich von daher wohl zu großen Teilen deckungsgleich mit der Generation Z in den Markt, die radikale Forderungen nach konkreten Klimaschutz-Maßnahmen stellt", meint puls Geschäftsführer und Studienleiter Dr. Konrad Weßner. Jeder fünfte Autokäufer gebe auch an, dass die "Fridays for Future Bewegung" Auswirkungen auf seine Autonutzung habe. Dabei stünden vier Maßnahmen im Vordergrund: Reduktion der Nutzung des Autos (53 Prozent), Umstieg auf Elektroautos (46 Prozent), Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel (43 Prozent) und Umstieg auf kleinere Autos (33 Prozent). Von daher sei Thunberg "wohl ein weiterer Treiber der Etablierung von Elektroautos auch in Deutschland, wo die Bedenken gegenüber E-Autos sicherlich besonders ausgeprägt sind", so Weßner.

Chance für Handel: E-Mobilität als Erlebnis

Diese Bedenken reduzieren sich wohl in dem Maß, wie Elektroautos an stabiler Reichweite gewinnen, für Normalverbraucher erschwinglich werden, die Lade-Infrastruktur ausgebaut und die Ladevorgänge beschleunigt werden. Wie Marketing für Elektroautos funktioniert, zeigt, wie Weßner erläutert, "Audi mit seiner e-tron Kampagne, die Elektroauto-Interessenten erfolgreich bei ihren Bedenken abholt und damit in Deutschland Top-Wahrnehmungswerte erzielt". Er empfiehlt daher "die Schaffung von Elektroauto-Erlebnisbereichen im Automobilhandel, die Forcierung von E-Auto-Probefahrten und ein Marketing, das Interessenten auf unterhaltsame Weise bei ihren Bedenken gegenüber Elektroautos abholt".

Netz-Ängste unbegründet

Auch Raimund Wagner vom österreichischen Beratungsunternehmen Carsulting sieht einen moderat schnellen, aber steten Wandel hin zur elektrifizierten Mobilität. "An der Dekarbonisierung, also dem Ausstieg aus fossiler Energie, führt kein Weg vorbei", so Wagner. "Das E-Auto ist derzeit die sinnvollste Alternative zum Verbrenner, weil es im Vergleich die effizienteste Nutzung von erneuerbaren Energiequellen ermöglicht. Mit 7 Prozent im österreichischen Fahrzeugbestand - das sind 450.000 Fahrzeuge - können die CO2-Emissionen um mehr als eine halbe Million Tonnen im Jahr reduziert werden."

Diese Marke, so prognostiziert man bei Carmunication, werde 2025 erreicht werden. Befürchtungen, die Stromnetze könnten den Belastungen des Mobilitätswandels nicht standhalten, erteilt Wagner eine Absage. Berechnungen würden zeigen, dass die oben skizzierten 350.000 Stromer gerade einmal 1,16 Prozent des österreichischen Stromverbrauchs ausmachen würden. "Selbst bei einem 100-prozentigen Fahrzeugbestand mit E-Autos beläuft sich der Anteil am österreichischen Gesamtstromverbrauch bei rund 13 Prozent." Dem gegenüber stehe eine CO2-Ersparnis von nahezu 750.000 Tonnen pro Jahr, so Wagner weiter.

Falsche Hoffnung Hybridantrieb?

Dem Optimismus der Berater zum Trotz nimmt der durchschnittliche Kfz-Betrieb zwischen Boden- und Neusiedler See bis dato eine recht skeptische Position zur Elektromobilität ein. In Gesprächen sagt so mancher gerade heraus, dass er das Thema nicht vorantreibt, weil er selbst nicht daran glaubt. Stattdessen hoffen viele auf Hybridfahrzeuge, durch deren Verbreitung man den Verbrenner noch Jahrzehnte lang weiter bewirtschaften zu können hofft. Unabhängig von der ökologischen Sinnhaftigkeit reagieren die Endkunden bis dato allerdings verhalten. Laut Statistik kauften die Österreicher in den ersten fünf Monaten des Jahres zwar etwas mehr Hybride (inklusive PHEV) als reine EV, aber deren Wachstumsrate ist mit +54 Prozent deutlich höher (Hybride: +10,9 %, Plug-in -29,4 %).

Der große Schwenk

Indes kommt die Modellpolitik in Sachen Batterieelektrische auch bei den großen "klassischen" Herstellern in die Gänge. Nicht unwesentlicher Treiber ist der Volkswagen-Konzern, der nicht mehr nur mit der Ankündigung zahlreicher Modelle, sondern auch mit der Absicht aufhorchen lässt, bis 2025 an europäischen Händlerstandorten 36.000 Ladepunkte zu errichten. Auch Fiat Chrysler hat unlängst mitgeteilt, dass man mit dem italienischen Energiekonzern Enel und der österreichischen Engie GmbH diesbezüglich eine Kooperation geschlossen hat. Das Joint Venture Ionity - bei dem neben VW auch Daimler, Ford und BMW an Bord sind - baut einstweilen an Schnellladern, bis zu 2.400 Schnellladepunkte sollen an 400 Stationen in Europa entstehen.

Thomas Ulbrich, Vorstand für E-Mobilität der Marke Volkswagen: "Die Ladeinfrastruktur wird immer mehr zum entscheidenden Faktor für den schnellen Durchbruch der E-Mobilität." Zu deren Errichtung nimmt er die Staaten ebenso in die Pflicht wie die Händler, welche die Investitionen zumindest teilweise stemmen werden müssen.

Über die Sinnhaftigkeit, bei Autohäusern für "Laufkundschaft" mehr Ladepunkte bereitzuhalten als für den eigentlichen Betrieb nötig, darf diskutiert werden. Wobei: Eventuell eine nette Geste an den Kunden, wenn der sein E-Auto nach dem Reifentausch als Serviceleistung aufgeladen zurückbekommt - der Strom dafür kann ja aus der hauseigenen Photovoltaik-Anlage kommen. Ladenetzanbieter wie Smatrics oder die Landesenergieversorger fungieren für die Betriebe als Dienstleister und Consulter gleichermaßen. Sie wenden sich mit ihrem Angebot mehr und mehr an Gewerbebetriebe, die mit Lademöglichkeiten Kunden anziehen wollen. Dass der Markt eine ansehnliche Größe erreichen könnte, untermauert eine aktuelle Untersuchung der TU Wien: Ihr zufolge kostet die Errichtung der bis 2030 in Österreich benötigten 857.000 Ladestellen satte 6,1 Milliarden Euro. Die Mehrzahl der Ladevorgänge wird an Wallboxen zuhause oder am Arbeitsplatz stattfinden. Neben Anbietern aus dem Elektroniksektor haben sich auch Automotive-Zulieferer wie Webasto in die Produktion von Ladelösungen für den Home-Bereich eingeschaltet. Logischer Point of Sale: das Autohaus. Denn wem wäre leichter eine Wallbox zu verkaufen als jemandem, der sich gerade ein E-Auto anschafft?

Goldgräberstimmung?

Abseits des trauten Heims kann das Laden ein teurer Spaß werden. Beim Durchforsten der Preisinformationen der Anbieter fühlt man sich ein bisschen an die Goldgräberzeiten der Mobilfunker erinnert: Grundgebühr, Flatrate, Minutentarife. Letztere, weil es laut Branchenverband BEÖ derzeit noch keine gesetzlichen Standards gibt, um Gleichstromleistung geeicht zu messen. Aktuelle Endkundenpreise reichen von 1 Cent bis zu 15 Cent pro Minute, die Grundgebühren von 0 bis 50 Euro pro Monat. Ionity wirbt an seinen Schnellladern mit einer Flatrate von 8 Euro pro Ladevorgang.

Wie dereinst beim Handy wird auch der Tarifdschungel die E-Mobilität wohl kaum langfristig hemmen. Nicht von der Hand zu weisen ist: Die Notwendigkeit der Dekarbonisierung, steigendes Ökobewusstsein angesichts immer offenkundigerer Symptome des Klimawandels, das dadurch befeuerte Einlenken der Politik - das sind Fronten, die sich der "Verbrennerwirtschaft" von allen Seiten nähern.