Prof. Dr. Doris Kortus-Schultes: Endlich werden WIR mal gefragt!

Prof. Dr. Doris Kortus-Schultes: Endlich werden WIR mal gefragt!

Prof. Dr. Doris Kortus-Schultes ist Initiatorin und Gründerin des Kompetenzzentrums Frau und Auto auf der Hochschule Niederrhein. Europaweit die einzige Hochschuleinrichtung, die gezielt Konsumentenforschung im Bereich "Autofahrerinnen" betreibt.

AUTO&Sie: Frau Prof. Dr. Kortus-Schultes, wie kam es zu Ihrem Engagement im Kompetenzzentrum Auto und Frau?

Doris Kortus-Schultes: Vor 16 Jahren hatte ich die Idee, meinen Studenten zu zeigen, dass man auch in reifen Märkten durch geschickte Segmentierung, also Zielgruppenselektion und -bearbeitung im Marketing, zusätzlich Chancen generieren und ausnutzen kann. Da haben wir schnell gemerkt, dass Frauen und Autos ein Spiegel der Gesellschaft sind.

Unter diesem Motto forscht das Kompetenzzentrum - bitte erklären Sie uns das.

Kortus-Schultes: Durch die höhere Teilnahme der Frauen in den vergangenen Jahrzehnten an höherwertigen Bildungsabschlüssen und damit mehr Eintritt in die Berufstätigkeit und in attraktivere Berufe haben sie auch mehr Geld zur Verfügung. Frauen müssen auch mobiler sein, um ihren beruflichen Verpflichtungen nachkommen zu können. Somit ist die Führerschein- und auch die eigene Pkw-Besitzquote gestiegen. Das betrifft nicht nur praktische Familienautos, erfolgreiche Frauen fahren auch immer größere Autos. - Das ist ein Bild dieser gesellschaftlichen Veränderung. Als wir gestartet sind und viele Tausende Autofahrerinnen befragt haben, bekamen wir oft zur Antwort: Endlich werden WIR mal gefragt!

Da war die Begeisterung ja groß...

Kortus-Schultes: Absolut. Viele Wünsche wurden artikuliert: mehr Ablagemöglichkeiten im Auto für Handtaschen, Sonnenbrillen, Schlüsselbunde und bessere Systeme im Kofferraum, um Einkaufsgut zu befestigen alles Themen, die für Männer nicht besonders sexy sind. Die orientieren sich mehr technisch: Was unter der Motorhaube ist, ist aufregend. Frauen hingegen sind viel pragmatischer und fragen sich: "Wie ist mein Tagesablauf, was habe ich mit dem Auto alles zu erledigen, und wie kann ich das möglichst angenehm und sicher bewerkstelligen?!"

Wie haben das die Hersteller aufgenommen?

Kortus-Schultes: Gut, da bin ich sehr stolz darauf, da ist einiges passiert. Was da mittlerweile an Ablage und Befestigungsmöglichkeiten geboten wird

Wie haben Autohäuser auf Ihre Resultate reagiert?

Kortus-Schultes: Es war ein Lernprozess für die Autohäuser. Dass Frauen nun allein ins Autohaus kommen und selbstbewusst ein Auto kaufen und der Verkäufer nicht mehr sagen kann: Kommen Sie mit Ihrem Mann wieder! Sondern: Achtung, da kommt eine Frau und damit ein potenziell großer Umsatz!

Sie veröffentlichen Ihre Ergebnisse regelmäßig, aktuell einen Beitrag in der Publikation "Mobilität in Zeiten der Veränderung" unter dem Titel "Konvergenz der Ökosysteme -Indirekte Netzwerkeffekte und Monetarisierungsmodelle auf digitalen Plattformen für Mobilität" - worum geht es dabei?

Kortus-Schultes: Es ändert sich ungemein viel im Automarkt. Die 18- bis unter 30-Jährigen besitzen weit weniger Pkws als deren Eltern. Aus mehreren Gründen: Über 50 Prozent studieren, kommen dadurch viel später in den Beruf und damit zum Geldverdienen. Das fördert auch die Urbanisierung, weil die Hochschulen in den Städten sind, wo wiederum Parkraum knapp, schwierig zu finden und bezahlte Plätze teuer sind. Dazu kommen in den Städten interessante digitale Plattformen für Mobilitätsservices wie car2go, DriveNow, für weite Fahrten BlaBlaCar und Ridesharing oder Fahrtendienstvermittler wie Uber und DriveDaily. Weiters zeichnet sich ab, dass Unternehmen wie Google oder Amazon mit einem autonom fahrenden Taxidienst kommen werden, der innerstädtisch kostenlos sein wird, weil wir uns während der Fahrt der Werbung aussetzen sollen

In Zeiten dieses Wandels: Welche Relevanz hat also das eigene Auto nun (noch) für Frauen?

Kortus-Schultes: Das ist altersspezifisch. Für jüngere Frauen ist es nicht mehr so wichtig, da gilt in vielen Bereichen das Motto: nutzen statt besitzen, also Share Economy. Und wenn man urban lebt, ist Carsharing einfach attraktiv. Wir stellen aber auch fest, dass die Pkw-Besitzquote bei über 50-Jährigen und auch bei über 70-Jährigen signifikant gestiegen ist. Auch ich möchte mein eigens Auto haben, jederzeit individuell verfügbar, auch wenn es die meisten Stunden des Tages steht. Ich möchte es auch nicht ausleihen, weil ich Sorge hätte, ich bekomme es schmutzig zurück oder es wird auf Höchstgeschwindigkeit gepeitscht.

Das autonome Fahren wiederum, das noch etwas dauern wird, wird sehr, sehr spannend. Denn Frauen wollen wohl auch jenseits der 80 mobil bleiben, vielleicht aber nicht mehr selbst fahren. Wenn ich dann so schöne Dienste habe wie Taxi On Demand, das ich online buchen kann, das vorfährt und mich dann zu den Enkelkindern führt, dann ist das doch wunderbar. Es wird innerstädtisch die verschiedensten smartphonebasierenden Lösungen geben.

Zurück ins heute: Wenn Sie (österreichischen) Händlern einen Tipp im "Umgang mit der Frau als Kundin" geben sollten, welcher wäre das?

Kortus-Schultes: Nehmen Sie die Frauen immer ernst in allen Argumenten, die sie vortragen, denn vielleicht argumentiert sie anders, als das Verkaufspersonal das von Männern gewohnt ist. Aber sie hat sich intensiv damit auseinandergesetzt, wie sie das Auto nutzen wird.