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„Unsere Uhren sind fürs Leben gebaut – und nicht nur für eines“

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„Unsere Uhren sind fürs Leben gebaut – und nicht nur für eines“
Nomos Glashütte

Judith Borowski, Geschäftsführerin bei Nomos Glashütte

Judith Borowski ist Geschäftsführerin bei Nomos Glashütte, einem renommierten Hersteller von mechanischen Armbanduhren im deutschen Erzgebirge. Die Region Glashütte ist seit 175 Jahren bekannt für Uhren, die es mit ihren berühmten Schweizer Vorbildern durchaus aufnehmen können.

Wie erklären Sie sich die Faszination an einer mechanischen Uhr (Automatikuhr) in Zeiten, in denen Zeitmessung eine Zusatzfunktion auf dem Handy ist? Was kann eine Automatikuhr besser?

Judith Borowski: Wir fertigen in der Tradition Glashütter Uhrmacherkunst – die seit mehr als 175 Jahren besteht – mechanische Armbanduhren, also solche mit Handaufzug und mit automatischem Aufzug. Aus dieser Tradition ergibt sich schon ein Teil dieser Faszination: Wir betreiben ein altes Handwerk mit großer Tradition. Dabei wird etwas gebaut, das auf sehr kleinem Raum rein mechanisch Kraft speichert und diese dann – als Stunden-, Minuten- und Sekundenanzeige – wieder abgibt. Das ist schon etwas, was viele Menschen fasziniert. Darüber hinaus ist eine solche Uhr natürlich ein Schmuckstück, gewissermaßen sogar ein Statussymbol, mit dem man zeigt, dass man einen gewissen Stil und eine gewisse Kompetenz hat. Man trägt eben nicht – ein bisschen despektierlich gesagt – einfach nur ein Plastikding mit sich herum. Das fasziniert die Menschen schon lange, und ich darf sogar sagen, heutzutage immer mehr Menschen.

Nomos wurde 1990 in Glashütte gegründet, einem Ort, der berühmt ist für seine Uhrmacherkunst. Wie kam es dazu, wie hat diese Tradition überlebt, wie entwickelt sie sich weiter? Wie ist die Entstehungsgeschichte von Nomos?

1990 nach dem Mauerfall wurde Nomos gegründet, unter Berufung auf alte Wurzeln, die schon vor den Kriegen bestanden haben, so wie alle Glashütter Uhrenunternehmen sich nach der Wende neu gründen mussten. Denn nach dem 2. Weltkrieg wurde aus den traditionellen Unternehmen ein VEB (volkseigener Betrieb), der dann zu DDR-Zeiten mechanische und später sogar Quarzuhren für den Export in den Westen herstellte.
Die ursprüngliche Tradition geht auf Ferdinand Adolph Lange zurück, der 1845 auf Befehl des Königs Friedrich August II. nach Glashütte kam, um dort eine Uhrenindustrie nach Schweizer Vorbild aufzubauen. Das geschah sozusagen aus purer Not, denn die Menschen im Ost-Erzgebirge waren wegen schlechter Böden und versiegender Bodenschätze sehr arm. Seither wird dieses Handwerk hier weitergegeben und ständig weiter verfeinert. 

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen batteriebetriebene Quarzuhren, dann irgendwann das Mobiltelefon und Smartphone, heute trägt man Smart- und Health Watches, die neben der Zeit auch noch den Puls messen, Schritte zählen, ganze Sporteinheiten aufzeichnen und Schlafdaten eruieren. Wie behaupten Sie sich gegen diese Modernisierung?

Sie haben recht, der Platz am Handgelenk ist heiß umkämpft. Die von ihnen angesprochenen Uhren und die mechanischen Armbanduhren, das sind jedoch Branchen, die sozusagen völlig berührungslos nebeneinander existieren. Wir haben mit den Smartwatches nur kleine Schnittmengen. Wir glauben allerdings, dass es immer mehr junge Menschen gibt, die durch den Trend zur Smartwatch wieder lernen, eine Uhr zu tragen, und die sich dann, wenn sie zum Beispiel im Job seriöser oder kompetenter auftreten wollen, für eine mechanische Uhr entscheiden. Der Trend zur Nachhaltigkeit hilft da natürlich auch, denn unsere Uhren sind fürs Leben gebaut, und nicht nur für eines, die können auch weitervererbt werden, während Smartwatches eine sehr begrenzte Lebensdauer haben. Wir haben momentan sehr lange Wartelisten für unsere Uhren, also schaden tun uns diese Entwicklungen wohl nicht.

Planen Sie – oder gab es schon einmal Pläne – in diese neuen Techniken ­einzusteigen?

Wir hier in Glashütte können uns nicht vorstellen, Smartwatches zu bauen. Was jedoch nicht heißt, dass wir nicht an anderer Stelle im Unternehmen digitalisieren. 

Wie sehen Sie den „Wertewandel“ einer Uhr zwischen Technologieträger, Werkzeug und Schmuckstück?

Die Uhr als Statussymbol war früher auch schon da. Die goldene Uhr, die früher ein Jahresgehalt kostete, war auch schon etwas Besonderes, für Herren eines von wenigen Schmuckstücken. Sie ist ein Ausdruck des eigenen Stils, gehört auch ein bisschen zur Ausrüstung fürs Büro.

Interessiert die Kunden – vielleicht insbesondere die männlichen Käufer einer Nomos – die Technologie der Uhr?

Sehr viele, ja. Viele interessieren sich sogar sehr genau dafür, wie so ein Uhrwerk funktioniert, das sehen wir aus Kundenanfragen und auch bei den Führungen, die wir anbieten.

Man könnte Ihre Uhren als Sinnbild von Nachhaltigkeit sehen: Mit viel Handarbeit gefertigt, reparierbar, langlebig, sie nutzen als Energie die Bewegungen ihres Trägers, brauchen also keine externen Energiequellen. Bedeutet das, dass Sie mit dem Nachhaltigkeits-Trend jetzt mehr Uhren verkaufen?

Zu den von Ihnen aufgezählten Punkten kommt auch noch das nachhaltige Design. Nur wenn ich eine Uhr habe, die nicht zu modisch ist, ist sie auch wirklich nachhaltig. Wir wollen unsere Uhren so gestalten, dass die Menschen sie auch in 20 Jahren noch tragen mögen. Das heißt zum Beispiel: eher klassische Größen, flache und elegante Gehäuse. Wir betrachten unsere Uhren heute so wie vor 30 Jahren. Und ja, die Nachfrage nach unseren Uhren steigt in diesen Zeiten, in denen Nachhaltigkeit Trend ist. Im Detail wissen wir über die Motivation unserer Kunden zwar nicht Bescheid. Aber im Moment sind wir in der glücklichen Lage, sagen zu können, dass jede Uhr, die in unserer Manufaktur fertiggestellt wird, bereits verkauft ist. Die Wartezeit beträgt derzeit je nach Modell zwischen sechs und neun Monaten – wenn Sie nicht das Glück haben, dass Ihr Fachhändler das gewünschte Modell lagernd hat.

Das klingt danach, dass Sie Ihre ­Produktion derzeit ausbauen?

Wir bemühen uns zu wachsen, aber wir wollen langsam und organisch wachsen. In erster Linie geht es um die Qualität, die versuchen wir immer in den Vordergrund zu rücken. Wir erlauben uns keinerlei Nachlässigkeiten, da können wir nicht einfach auf den Knopf drücken und unsere Produktion vergrößern, da hätten wir auch gar nicht die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dazu.

Zum Thema Reparatur: Kann eine Nomos-Uhr jeder gelernte Uhrmacher reparieren? Gibt es wie im Automotive-Sektor eine Art „Aftermarket“, also stellen Sie oder andere Ersatzteile für Ihre Uhren her und verkaufen diese?

Wir stellen unsere Ersatzteile zum größten Teil selbst her – wir haben hier in Glashütte in der Produktion eine Fertigungstiefe bis zu 95 Prozent – und beliefern unsere Konzessionäre auch mit diesen Teilen. Normalerweise kommen die Nomos-Uhren nach einigen Jahren dann auch wieder zur Revision zum Fachhändler für eine Reinigung oder um sie zu ölen. Wir haben in Glashütte eine große Serviceabteilung, wo Uhren revidiert und repariert werden. Denn auch Uhren brauchen ab und zu ein Service wie ein Auto. Die heutigen Öle sind besser als frühere und sie frisch zu ölen, das führt ein kompetenter Uhrmacher durch – oder eben wir hier in Glashütte.

Gibt es einen Gebrauchtmarkt, und haben Sie damit als Hersteller auch etwas zu tun?

Es gibt natürlich einen regen Gebrauchtmarkt, hauptsächlich heute über große Plattformen online. Wir freuen uns zu sehen, dass Nomos-Uhren dort rege gehandelt werden und mitunter auch zu höheren Preisen. Es gibt Special Editions, deren Wert sich deutlich steigert. Diese Börsen, auf denen wir nicht selbst tätig sind, sind für uns so etwas wie ein Fieberthermometer, das zeigt, wie unsere Produkte wertgeschätzt werden.

Ist das mechanische Uhrwerk nicht längst „zu Ende entwickelt“? Wie viel Platz gibt es für Innovation, und wodurch wird sie ausgelöst?

Natürlich ist der Platz für Innovation begrenzt, aber was da im Mikrometerbereich geschieht, ist schon erstaunlich. Dank der Kombination von Handwerk und modernsten Fertigungstechniken können wir die Werke immer weiterentwickeln. Wir haben hier Möglichkeiten, die frühere Uhrmacher so nicht hatten.
Es ist für mich immer wieder erstaunlich, wie viele Werke noch heute auf Kon­struktionen aus den 1970er- und 1980er-­Jahren beruhen. Wir bei Nomos haben vor einigen Jahren unsere „neomatik“-Klasse lanciert, unsere neue Automatik also. Das sind Uhrwerke mit sehr geringer Höhe. In unserer Preisklasse – also bei Uhren unter 4.000 Euro – gibt es so flache, elegante Automatik-Kaliber sonst nicht. Und, ja: Es wird auch weiterhin neue Entwicklungen bei uns geben, dazu darf ich aber im Moment noch nichts verraten.

Welche Genauigkeit erreichen solche modernen mechanischen Uhren eigentlich?

Uhren von Nomos Glashütte sind schon sehr genau. Sie werden in sechs Lagen feinreguliert. Wenn unsere Uhr am Tag sechs Sekunden vorgeht, ist das schon ein guter Wert. 

Gab/gibt es bei Nomos auch Lieferschwierigkeiten, Nachschubprobleme o. Ä. durch Corona und den Ukraine-Krieg?

Wir hatten Lieferverzögerungen bei einigen Teilen, bei Gehäusen aus der Schweiz zum Beispiel, aber in erster Linie bedingt durch hohe Krankenstände, die wir auch in Glashütte zu verzeichnen hatten.
Bei uns sitzen teils 10 bis 15 Leute in einem Raum, das ging zu Covid-Zeiten nicht, und Uhrmacherei kann auch nicht im Homeoffice stattfinden. Auch den weltweit geschlossenen Handel haben wir zu spüren bekommen, aber das war ja nur vorübergehend.

„Unser“ Handwerk, also das Kfz-Handwerk, leidet unter dem Mangel an qualifizierten Fachkräften. Wie steht es denn um den Uhrmacherberuf, der sicherlich auch schon oft als „aussterbend“ bezeichnet wurde? Was tun Sie denn bei Nomos, um gute Leute zu bekommen bzw. zu halten?

Im Moment haben wir ausreichend Personal. Wir suchen zwar ständig gute Uhrmacher, aber haben im Moment keine Not. Menschen, die „in der Uhr arbeiten“, wie wir sagen, sind auch meistens nicht so gestrickt, dass sie alle paar Monate einen neuen Job suchen.
Viele, die bei uns in Glashütte arbeiten, stammen auch oft aus der Region und sind oft in der vierten, fünften Generation Uhrmacher. Wir versuchen zu erreichen, dass das so bleibt. Die Gehälter sind gut, und wir bemühen uns darum, ein gutes Arbeitsklima zu bieten. Bei anderen Berufen im Unternehmen, etwa im kaufmännischen Bereich, spüren wir den Fachkräfte­mangel fast ein bisschen stärker. 

Bilden Sie selbst aus, und welche Fähigkeiten muss ein guter Uhrmacher mitbringen?

Die Fachkräfte werden in der Uhrmacherschule in Glashütte ausgebildet, kommen aber zu uns zum Praktikum. Wir suchen immer nach jungen Uhrmachern. Eines der Kriterien: Sucht jemand gern Fehler, liebt es, ganz genau zu sein? Diese Akribie ist eine wichtige Fähigkeit, neben Geduld, technischem Verständnis und feinmotorischen Fähigkeiten. Auch die Liebe zur Uhr ist wichtig. Man muss auch dazusagen, dass bei uns Werkzeugmacher und Ingenieure genauso wichtig sind wie Uhrmacher, da wir die Werkzeuge, die wir für die hochpräzise Fertigung brauchen, ja auch selbst konstruieren und herstellen müssen.

Ist Uhrmacher eigentlich eher ein Männer- oder ein Frauenberuf?

Der Frauenanteil liegt in der Manufaktur bei über 60 Prozent; man sagt ja gern, dass Frauen eher für das Feine geeignet sind. In der Forschung und Entwicklung sind die Männer ein bisschen in der Überzahl, insgesamt sind wir fifty-fifty aufgestellt – die dreiköpfige Geschäftsleitung allerdings ist nur zu einem Drittel weiblich. 

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