Darf’s ein bisserl weniger sein?

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Darf’s ein  bisserl weniger sein?
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Die unterschiedlichen Vergütungen beim Scheibentausch durch die Versicherungen lassen die Wogen hochgehen. Entspannung ist nicht in Sicht.

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Vor allem durch die Zunahme an Fahrassistenzsystemen (FAS), deren Kameras auch in Windschutzscheiben verbaut sind, werden Instandsetzungen von Schäden in diesem Segment immer komplexer und meist auch deutlich teurer. Muss die Scheibe getauscht werden, kann der Betrieb das entsprechende Produkt entweder beim Autohersteller, also beim Importeur oder einem Markenhändler, oder im freien Teilehandel beziehen. Und genau das bringt nun Probleme mit sich. Denn laut einer Vereinbarung zwischen dem Verband der Versicherungsunternehmen Österreichs (VVO) und der Bundesinnung der Fahrzeugtechnik gibt es seit vergangenem Jahr Unterschiede in der Vergütung von Windschutzscheiben.

Hohe Rabatte
„Der Versicherungsverband hat Mystery Shopping betrieben und sich als Privatkunde bei Teilehändlern Windschutzscheiben anbieten lassen. Dabei wurden Rabattsätze mit über 50 Prozent festgestellt“, berichtet Mst. Franz Ofer, Leiter des Kompetenz­Center Lack und Karosserie in der Bundesinnung der Fahrzeugtechnik: „Daraufhin wurden die Margen hinterfragt und die Diskussion entfacht. Wir haben versucht, die galoppierenden Pferde wieder einzufangen. Wir müssen seitens der Reparaturwirtschaft schauen, dass wir mit der Versicherungswirtschaft gut zusammenkommen. Wir haben uns darauf geeinigt, dass bei den Scheiben aus dem freien Teilehandel ein Abzug getätigt wird. Die Lösung war kein Kniefall, sondern Respekt vor dem Gegenüber“, betont Ofer: „Wir haben natürlich sehr viel Unverständnis im Markt, von Werkstätten und vom ­Teilehandel.“
Dabei vermeidet Ofer bewusst das Wort Identteile, vielmehr geht es um Produkte, die für den Hersteller sowohl für die Automobilindustrie wie auch für den Aftermarkt in gleicher Qualität produziert werden. Und zum Teil vom Scheibenproduzenten für die ­Automobilmarken entwickelt wurden.

Versicherung spricht von Identteilen
„Der Begriff ‚Identteile‘ darf laut eines OLG-Urteils verwendet werden. Dabei kommt die gleiche Scheibe vom Band an den Autohersteller oder an den Teilehandel. Der Unterschied besteht in der Preisstellung. Diese ist gänzlich anders, und das wissen wir natürlich auch. Wir erlauben uns daher, hier jenen Preis anzunehmen und zu bezahlen, den auch private KundInnen im freien Teilehandel bezahlen würden, wenn uns kein anderslautender Beleg vorgelegt wird“, erklärt Alexander Bayer, Verband der Versicherungsunternehmen Österreichs (Leitung technisches Büro). „Werden uns Identteile verrechnet, schauen wir uns daher im konkreten Fall an, mit welchem Rabatt das Produkt im freien Teilehandel erhältlich ist und erlauben uns dann, einen partnerschaftlichen Abzug im Vergleich zum Originalteil zu machen.“ Werde hingegen eine Rechnung von einem Originalteil des Autohersteller vorgelegt, würde natürlich der Preis für das Originalteil erstattet. ­„Handelt es sich dabei nicht um einen Autohändler dieser Marke, werden auch noch 5 Prozent Beschaffungskosten ersetzt“, so Bayer weiter: „Dabei wollen wir weder die KundInnen noch die freien Werkstätten zwingen, beim Markenbetrieb zu kaufen. Es geht nur darum den tatsächlichen Aufwand zu ersetzen.“

Immer gleiches Produkt
„Wir reden hier immer von einem Original-Produkt gemäß Gruppenfreistellungsverordnung GVO“, erklärt Mag. Walter Birner, Obmann des Verbands der freien Kfz-Teile-Fachhändler (VFT): „Manchmal, aber nicht immer, ist das Logo des Herstellers auf der Scheibe ersichtlich. Wir reden aber immer vom genau gleichen Ausgangsprodukt.“ Dabei ­äußert Birner sein Unverständnis über die Regelung. „Wenn das Produkt über Aftersales verkauft wurde, bezahlen die Versicherungen nur etwa 80 Prozent. Kommt das Produkt über die OEM-Logistik, bekommt die gleiche Werkstätte für die gleiche ­Scheibe 100 Prozent plus 5 Prozent Beschaffung. Wenn es um Produkte anderer Qualität geht, wenn diese Features für Assistenzsysteme nicht verbaut sind, bin ich auf Seiten der Versicherung. So etwas ist abzustellen. Aber einen Vergütungsunterschied beim selben Produkt von unterschiedlichen Lieferanten, akzeptieren wir sicher nicht“, stellt der VFT-Obmann klar: „Wir als VFT unterstützen die Werkstätten bei der Verwendung von Scheiben vom Teilehandel voll. Wir erklären: Was ist ein Originalprodukt! Und wir spielen das Thema auch auf europäischer Ebene, beim Dachverband des VFT, der FIGIEFA. Die Werkstätte darf 100 Prozent verlangen, da gibt es keinen Grund dagegen.“
Kritisiert wird innerhalb der Branche, dass mit dieser Regelung die Automobilhersteller die Gewinner sind, da nun vermehrt auf Produkte zurückgegriffen wird, die von OEMs vertrieben werden. „Dabei wird doch wohl niemand glauben, dass die Autokonzerne diese Produkte teurer einkaufen als der freie Teilehandel“, so ein Insider. Sollte es also tatsächlich erhöhte Margen in diesem Bereich geben, profitieren nun die Autohersteller bzw. -importeure davon, die ihre Händler (und natürlich auch Drittkunden) ­margenmäßig bekanntlich kurz halten.

Kubik stützt Ofer
Seinem Kollegen Franz Ofer steht Mst. Manfred Kubik, stv. Bundesinnungsmeister der Fahrzeugtechnik, zur Seite: "Das Grundproblem waren einige Betriebe, die mit hohen Rabatten und der Übernahme des Selbstbehaltes geworben haben." Niemand in der Branche habe die Qualität von Identteilen angezweifelt, die Versicherungen würden jedoch nicht bereit sein, weiterhin gewisse (hohe) Spannen zu akzeptieren. Von Seiten der Innung stellt Kubik auch klar, dass die Diskussion über die Vergütungssätze nicht von ihnen ausgegangen sei. "Wir haben lediglich auf Schritte reagiert, die gesetzt worden sind." Mit der neuen Regelung müssten die Betriebe leben lernen und vor allem ihre Kalkulation verbessern. "Die Betriebsinhaber müssen zu Unternehmern werden", pocht der Innungsvertreter. Wenig Freude hat er auch mit dem Umstand, dass die (Auto-)Verglasung ein freies Gewerbe geworden ist. Viele "schwarze Schafe" würden nicht die Kompetenz mitbringen, um mit der Fahrzeugscheibe als Hightech-Produkt richtig umzugehen.

Kritiker sehen höhere Kosten für Versicherungen
„Es hängt sich alles an einem Logo auf“, kritisiert Beate Leser-Prais, Inhaberin von Autoglas Prais aus Bruck an der Mur, die neuen Regelungen. Sie gibt allerdings zu bedenken, dass auch bei Neufahrzeugen Scheiben vielfach ohne Logo verbaut sind.  „Die drei, vier Versicherungen, die auf die neue Regelung pochen, werden jetzt von unserer Seite mit OE-Logo-Scheiben bedient. Ich kaufe also quasi für die Versicherung eine Scheibe mit Logo, obwohl das Ersatzteil das gleiche wie aus der Erstausrüstung ist“, schildert Leser-Prais die aktuelle Situation. Doch nicht immer sind die OE-Teile auch verfügbar: „Die Importeure sind mit der Nachfrage überfordert. Auf der Strecke bleibt dann zumeist der Kunde.“ Der steirische Autoglas-Spezialist verbaut aktuell zwischen 30 und 40 Prozent OE-Scheiben mit Logo.
„Wegen ein paar schwarzen Schafen, die es mit Riesenrabatten und dem Verbau von Scheiben zweiter oder dritter Wahl und damit schlechter Qualität übertrieben haben, wird nun die ganze Branche abgestraft“, nimmt sich Alex Guillaume Ellinger, Geschäftsführer Autopark Wien, kein Blatt vor den Mund. „Wir bekommen von den Partnern unsere Leistungen nicht mehr ordentlich bezahlt, es gibt einen buchhalterischen Mehraufwand und Zahlungsausfälle. Das alles wird sich auf den Stundensatz auswirken.“ Man müsse nun OE-Scheiben verbauen, was für die Versicherungen mit höheren Kosten verbunden sei. „Ich hoffe, dass die Sache ausjudiziert wird“, so Ellinger. In seinem Unternehmen war der Anteil an verbauten OE-Scheiben vor der neuen Regelung minimal, „jetzt geht es Richtung 50 Prozent“.

Die Liga der Nichtbetroffenen
Aber nicht alle Karosseriewerkstätten sind von der Vergütungsproblematik betroffen. „Ein Originalersatzteil ist ein Originalersatzteil“, hält etwa Ing. Roland Gredinger, Geschäftsführer eines großen markenunabhängigen Karosseriezentrums, fest. Zwar verbaut auch er Teile aus dem IAM, aber sehr selten und „explizit nur auf Kundenwunsch“. „Wir reparieren großteils junge und hochpreisige Fahrzeuge und setzen schon allein aus diesem Grund Originalersatzteile ein. Von den Kosten der Scheibe her macht das auch oft nicht so einen großen Unterschied aus“, meint Gredinger. Und auch Wolfgang Weinberger, Geschäftsleiter des Unfallreparaturspezialisten MO‘ Drive, tangiert das Thema nur am Rande: „Wir verwenden fast ausschließlich Originalscheiben, das ist auch in den Verträgen mit unseren Kunden so festgelegt. Auf Teile aus dem freien Markt greifen wir nur bei mangelnder Verfügbarkeit eines OE-Produkts oder nach Rücksprache mit dem Kunden zurück.“

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