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OK, Boomer! Wie mich der Schnulzenerlass formte

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OK, Boomer! Wie mich der Schnulzenerlass formte
Leo Szemeliker

Fünf Jahrzehnte Popmusik hören. Früher unerwartete Glücksmomente, heute eine heranstreamende Selbstverständlichkeit. Alles ist anders, außer das Wesentliche: Die Entscheidung für den Rock ’n’ Roll. Wandel­erlebnisse eines späten Babyboomers.

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Als ich vor rund 50 Jahren auf die Welt kam, war „Hey Jude“ Nummer eins der Charts. Meine Mutter sagt bis heute, dass „Hey Jude“ der beste Song aller Zeiten ist. Hat sie ihn im Radio gehört, als sie mit mir im Spital der Barmherzigen Brüder in Eisenstadt herum gelegen ist? Ich bezweifle es. Weil: Barmherzige Brüder!

„Hey Jude“ war kurz vor meiner Geburt als Single veröffentlicht worden. Kurz davor hatte ORF-Chef Gerd Bacher seinen „Schnulzenerlass“ dem damals ein Jahr alten Jugendsender Ö3 verordnet: „Wann immer man  Ö3 aufdreht, säuselt einem ein germanischer Schwachsinniger in die Ohren“, schimpfte „der Tiger“. Man möge „mehr internationale Pop- und Unterhaltungsmusik“ spielen. Nicht nur die Beatles, auch schlimmere Dinge. So kam es jedenfalls zur musikalischen Frühprägung der Generation X (damals hießen wir noch: „es Rotzbuam“).

Mit sieben Jahren bekam ich ­einen Koffer-Plattenspieler (Philips Modell 22GF403, rotes Plastik) und das blaue Doppel­album der Beatles („Hey Jude“). Ich musste protestieren. Als schnelle Reaktion, die mehr als drei Jahre in Anspruch nahm (Taschengeld? Woher bitte?), habe ich mir „Deepest Purple – The Very Best of Deep Purple“ zugelegt. 1980. Ich hörte heimlich nächtens (also nach zehn Uhr) unter der Bettdecke auf Ö3 „Treffpunkt Studio 4“.

Hoffen auf „Smoke on the Water“
Das war wie Social Media, nur in den 70er und 80ern. Es gab Einsendungen und Anrufe, wegen der Mittelwellenverbreitung sogar aus England und Skandinavien, Radiospiele, Rätsel, Verlosungen. Die waren mir wurscht, weil ich von unter der Bettdecke eh nicht anrufen konnte. Ich hoffte auf „Smoke On The Water“. Glücksmomente kamen per Zufall. Dieter Dorner übersetzte mir den schlimmen Text von Frank Zappas „Bobby Brown“. Andeutungsweise, wegen „des Tigers“. Bevor ein „Schweindlerlass“ kommt. Ich entschied mich für den Rock ’n’ Roll.

Später war ich der Bettdecke entwachsen und kaufte mir ein VW-Cabrio. Mein Bruder hatte meine AC/DC-Sammlung auf Musikkassette aufgenommen, um 15-jährige Mädchen zu schrecken oder zu beeindrucken. Er ließ meine LPs hormongesteuert im Auto der Mutter liegen. Im Sommer. Also beschloss ich, ab sofort dem Mumpitz der Unzerstörbarkeit der CDs zu glauben. Sie lagen überall in meinem Auto herum. Wie ein nicht zusammengesetztes Puzzle, das irgendwann meine Persönlichkeit ergeben sollte. Ich weiß nicht, was außer Hehlergeld der Typ gesehen hatte, der dem Cabrio das Dach aufschnitt und ALLE CDs fladerte. Ich: „Oida! Warum kann die Musik net in einem einzigen Kastl Platz haben?“

Alles in einem kastl
Meine Söhne (9 und 12) haben heute solche Kastln. Fingertipp, Voice-Control-Befehl, und sie streamen, youtuben, spotifyen. Sieben Minuten „Hey Jude“? Ok, Boomer! Augenrollen. Der Ältere mag japanische Computerspiel-Stressmusik und der Jüngere germanische Schwachsinnigkeiten mit Punkgitarren. Songs werden nie fertig gehört, es sind Soundstaccati, in der gleichen Sound-Qualität damals beim meinem Philips.

Bin ich besorgt? Aber geh. Mitunter hören es die Rotzbuam unter der Bettdecke. Denn Platten, Scheiben, Kastln ändern sich. Aber der Rock ’n’ Roll bleibt.

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