Selbstverwirklicht roboten

Printer
Selbstverwirklicht roboten
Adobe Stock

Die Zukunft der Arbeit: Die Menschheit will Wertschätzung und Teilhabe und Flexibilität und Entscheidungsfreiheit. Inzwischen kommen die Roboter. Alles muss schneller, alles muss billiger. Und deswegen hackeln manche bis zum Umfallen.

Advertisement

Wer hätte das gedacht? Da sitzt einem der härteste Sanierer Österreichs gegenüber, einer, der seit vier Jahrzehnten mit eiserner Hand und mit allen Vollmachten ausgestattet marode Firmen aus den roten Zahlen herauspeitscht, und dann das! Der Autor dieser Zeilen hat den berühmten Turnaround-Manager Erhard Grossnigg gefragt, was denn so der Hauptunterschied in seinem Job zu früher sei. Ich hätte erwartet, er sagt so etwas wie: die Digitalisierung; die Rasanz des technischen Fortschritts; der Klimawandel. Nein. Hat er alles nicht gesagt.

Mitarbeiter müssen es mittragen
Grossnig sagte, ohne darüber auch nur den Bruchteil einer Sekunde offensichtlich nachdenken zu müssen: „Die Leute.“ Die Menschen? Mir kam kurz der absurde Gedanke: „Ist der jetzt auch Sozialdemokrat geworden.“ Während ich mich innerlich nachgerade amüsierte über die Absurdität dieser Idee, holte Grossnigg, sonst in Interviews eher ein Verfechter der Dreiwort-Sätze, zu seiner Erklärung aus: „Der einzelne Mensch ist in einer mehr zivilisierten Gesellschaft immer wichtiger als in einer weniger zivilisierten. In einer Sklavenwirtschaft ordnet einer an und der andere macht. Aber wenn man gut ausgebildete und gebildete Mitarbeiter hat, dann wollen die auch wissen, warum sie was machen sollen. In der heutigen Zeit können Sie ein Unternehmen nur dann erfolgreich führen, wenn Sie die Mitarbeiter für sich einnehmen können. Für sich einnehmen, heißt auch: von einer Sache überzeugen. Wenn wir uns auf ein Produkt konzentrieren wollen, dann müssen das die Mitarbeiter mittragen. Wenn es die Mitarbeiter mittragen, werden Sie Erfolg haben. Wenn es die Mitarbeiter nicht mittragen, werden Sie keinen Erfolg haben.“

Das hat gesessen. Die einen schaffen an, die anderen tun. Das ist vorbei. Fix. Das heißt aber auch für die Arbeitswelt und deren Organisation: Fix ist, dass nix mehr fix ist. Von 8 bis Punkt 16, jeder hat seinen Schreibtisch oder seine Werkbank, jeder macht bis zur Pension das Gleiche und wird immer routinierter dabei. Das ist auch vorbei. In den Online-Medien feiern sie die Information Worker und Digital Nomads. Die angeblich dort arbeiten, wo andere Urlaub machen. Individualität, Unabhängigkeit, tun und lassen können, was man will. Sie wollen Stories statt Aufträge, Begeisterung statt Nettogehälter, Selbstverwirklichung statt Kollektivverträge. Moderne Unternehmen hätten Feel Good Manager statt Bereichsleiter. So ticken sie eben, die in den Jahren nach 1990 geborenen Millenial High Potentials, heißt es. Und darauf muss sich eine Organisation einmal einstellen können. Transformationsprozess ist eine schöne Beschreibung von einem ratlosen bis entsetzten Zustand, in dem sich viele Personalmanager und Geschäftsführer heute befinden.

Die Automatisierung kommt
Und dann wären da noch die Roboter. Das Wort geht auf das polnische Verb roboty zurück. Es heißt hackeln, arbeiten. Die modernen Arbeitssklaven. Die das tun werden, auf Knopfdruck, das die ganzen Selbstverwirklicher nicht mehr machen wollen. Regalbetreuer, Kanalräumer, Erntehelfer, Fließbandarbeiter. Ja vielleicht. Aber wirklich nur diese Jobs? „Es ist völlig gleichgültig, ob Sie Fabriksarbeiter, Finanzberater oder professioneller Flötenspieler sind: Die Automatisierung kommt“, sagt dazu Stanford-Professor Jerry Kaplan. Es gibt Software, die bereits heute bessere Rechtsanwalts-Schriftsätze verfassen, als all die übernächtigen, burn-out-bedrohten Jungjuristen zusammen. Das wissen die natürlich. Jeder Dritte fühlt sich in Österreich Burn-out-gefährdet. Es soll Berufe geben, sagt die Arbeiterkammer, da liege die tatsächliche Burn-out-Rate bei 20 Prozent. Die soziale Beschleunigung nimmt zu, alles muss schneller werden und billig bleiben.

15-Stunden-Woche
John Maynard Keynes, der große britische Ökonom, der die Wirtschaftskrisen durchschaute wie kein anderer, schrieb 1930, dass die Menschheit hundert Jahre später nur mehr in Drei-Stunden-Schichten, in 15-Stunden-Wochen arbeiten werden müssen. Und dass die größte Herausforderung im Leben sein werde, wie man die viele Freizeit richtig nützt. Weil man sich es leisten kann. Keynes hat viele Entwicklungen richtig vorausgesehen. Für diese hätten wir noch
12 Jahre. Denn derzeit wollen sich zwar alle selbstverwirklichen, leisten können es sich und vor allem dürfen tun es nur die wenigsten. Wer hätte sich das gedacht?

Advertisement

Diese Website verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Durch die weitere Nutzung der Website stimmen Sie dem zu. Um mehr über die von uns verwendeten Cookies zu erfahren, können Sie unsere RICHTLINIEN FÜR DATENSCHUTZ UND VERWENDUNG VON COOKIES aufrufen.

OK