Rachefeldzug der Politik?

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Rachefeldzug der Politik?

„Die Planbarkeit des Geschäfts wird für die Händler rapide sinken. Auch die Gespräche mit den Banken werden wieder schwieriger werden", ist Prof. Dr. Willi Diez, langjähriger Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft (IFA) überzeugt.

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Die Umstellung der Fahrzeugflotten auf das neue Messverfahren WLTP hat den europäischen Automobilmarkt mächtig durcheinander gewirbelt. Einem starken Anstieg im August folgte ein ebenso starker Rückgang im September. Ob damit schon alles ausgestanden ist, bleibt fraglich. Denn mittlerweile stellt sich bei vielen Herstellern die Frage, ob man wirklich alle Modelle nach dem neuen Standard zertifizieren will oder einzelne Modelle oder Modellvarianten nicht dauerhaft vom Markt verschwinden. Freuen dürfen sich auf jeden Fall die Finanzminister, die mit den höheren Verbrauchswerten auch höhere Steuereinnahmen zu verzeichnen haben. Wieder einmal wird da zulasten der Autofahrer „umverteilt“.

Neues Ungemach steht bereits ins Haus: Nach WLTP, Diesel-Bashing und Fahrverbotsdiskussionen wollen die EU-Umweltminister nun die CO2-Grenzwerte bis zum Jahr 2030 um weitere 35 Prozent reduzieren. Wie das zu erreichen sein soll, nachdem die CO2-Werte ja bereits zum Jahr 2020 um fast 25 Prozent gesenkt werden müssen, weiß momentan keiner so richtig. Die Politiker setzen auf die Elektromobilität, die ja gar keine CO2-Emissionen verursachen soll – was natürlich nicht stimmt. Offensichtlich scheint das in Brüssel aber niemand zu kümmern. Und so wird das Elektroauto wahrscheinlich schneller kommen, als bislang zu erwarten war.

Ohnehin sieht die ganze umweltpolitische Entwicklung rund um das Auto nach einem Rachefeldzug der Politik gegen die Automobilbranche aus. Angesichts der kleinen und großen Schummeleien der Automobilhersteller im Zusammenhang mit dem alten Messverfahren, dem NEFZ, ist das auch durchaus nachvollziehbar. Nachdem die Automobilhersteller die Politik „vorgeführt“ haben, führt nun die Politik die Automobilhersteller vor. Nachsicht ­haben sie ­jedenfalls in Brüssel nicht zu erwarten.

Das ist gefährlich, denn in den vergangenen Jahren war die Automobilbranche einer der großen Wachstumstreiber in Europa. Nicht nur die Automobilhersteller, sondern auch die vielen Automobilzulieferern haben für Wachstum und Beschäftigung gesorgt. Diese Schlüsselbranche jetzt frontal anzugehen, könnte für Europa noch zum wirtschaftlichen Problem werden. Und der Automobilhandel? Von wirklich guten Jahren im Verkauf und Service kann man angesichts des allgegenwärtigen ­Margendrucks sicher nicht sprechen. Aber immerhin war das Geschäft einigermaßen berechenbar. In den nächsten Jahren könnte es „vogelwild“ werden und die Turbulenzen rund um die WLTP-Umstellung könnten dazu nur ein kleiner Vorgeschmack sein. Wie werden die Verkaufsanteile von konventionell angetriebenen Benzinern und Diesel im Vergleich zu ­Elektro-, Gas- oder gar Wasserstofffahrzeugen in 5 bis 10 Jahren aussehen? Wie werden sich vor dem Hintergrund der zu erwartenden Verwerfungen im Markt die Restwerte von Leasingfahrzeugen entwickeln? Wie müssen die Kapazitäten und Qualifikationsprofile im Service in Zukunft aussehen? Niemand kann auf diese Frage heute auch nur eine einigermaßen verlässliche Antwort geben.

Die Planbarkeit des Geschäfts wird also in den nächsten Jahren rapide sinken. Das erfordert mehr Professionalität im Händlerbetrieb, wie zum Beispiel das Arbeiten mit Szenarien: Was muss ich tun, wenn das oder wenn jenes passiert? Auch die Gespräche mit den Banken werden sicher wieder schwieriger werden. Wer heute eine Investition auf den Weg bringen will, wird sich schwierigen und kritischen Fragen der Kreditgeber ­gegenübersehen.

So bleibt als Ratschlag an den Handel nur die Aufforderung, die aktuellen Entwicklungen aufmerksam zu verfolgen, die Eigenkapitalbasis möglichst zu schonen und sich auf alle Eventualitäten zumindest gedanklich vorzubereiten. Und schließlich bleibt auch die Hoffnung, dass die Machtspiele zwischen Politik und Autoindustrie bald ein Ende finden.

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